Der König des Outlet King Spiez
Geschäftsidee | Als Gründer und CEO mehrerer Unternehmen bringt Toni Kurz viele Dinge unter einen Hut. Im Vordergrund stehen dabei die Menschen und die Umwelt. Sein Erfolg gibt ihm recht.

Während die Rolltreppe einen langsam nach oben trägt, erscheinen nach und nach Kleidungsstücke und andere Verkaufsgegenstände im Blickfeld. Auf der einen Seite der Etage sind regalweise Haushaltsartikel und Esswaren zu kaufen, auf der anderen Seite hängen allerlei Kleidungsstücke, die darauf warten, vom Haken genommen zu werden. Oben angekommen, folgt bereits die erste Begrüssung eines Angestellten, der einen gesehen hat. Ein entspannter, aber professioneller Umgang mit der Kundschaft – das spürt man sofort – steht für die Mitarbeitenden im Fokus. Als Mitgründer und CEO von Outlet King Spiez geht Toni Kurz als Vorbild voran. Spaziert er durch das Geschäft, grüsst er alle Mitarbeitenden lächelnd beim Namen. Was bei Kurz ebenfalls auffällt: Er fällt auf.
Energie und Motivation
Er trägt gerne Anzüge. Die Gefahr, ihn mit stereotypischen Geschäftsleuten zu verwechseln, besteht nicht. Seine Anzüge sind farbenfroh, gemustert, erfrischend. Und immer schmückt ein Hut seinen Kopf.
Aber Kurz sorgt nicht nur durch seine textile Erscheinung für Aufsehen. Der 30-Jährige scheint mehr Energie zu haben, als Solaranlagen und Kraftwerke Strom produzieren können. So, wie sich Hut und Anzug ergänzen, ergänzen eine grenzenlose Motivation und ein beneidenswertes Selbstvertrauen seine Energie. Kurz hofft, mit seiner Art für ein angenehmes und produktives Arbeitsklima zu sorgen.
Vor allem möchte er als CEO Menschen eine Chance geben, die «nicht ins System passen». In anderen Menschen scheint er immer nur die Stärken oder das Potenzial zu sehen. Dementsprechend stellt er auch Quereinsteiger ein, Hauptsache, sie packen dort mit an, wo es sie braucht. Dieser Pragmatismus macht sich bezahlt.
Während er durch sein Geschäft spaziert und seine Geschäftsidee erklärt, läuft eine Mitarbeiterin an ihm vorbei. Kurz begrüsst sie, tauscht ein paar Worte mit ihr aus. Es entsteht der Eindruck, als kenne er sie seit Jahren. Dabei, so sagt er anschliessend, sei das ihre erste Arbeitswoche.
Auf dem Weg zu den Büroräumlichkeiten kommt man durch einen Raum, der als Gemeinschaftsraum, aber auch als Lagerraum fungiert. Auch hier sieht Kurz den Vorteil: «So bleiben die Gehwege kurz.»
Im nächsten Raum sitzen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Kurz hinter Bildschirmen, vertieft in ihre Aufgaben, die möglichst auf ihre Fähigkeiten zugeschnitten sind. Nacheinander stellt Kurz alle Anwesenden vor und erklärt ihre Funktion und erzählt, wer wo herkommt. Zum Beispiel sei er glücklich darüber, einen Mitarbeiter gewonnen zu haben, der davor in Berlin für Facebook gearbeitet habe.
Vor allem stellt sich Kurz nicht über seine Mitarbeitenden. Während des Gesprächs mit ihm in einem Sitzungszimmer klopft jemand aus seinem Team an die Tür und fragt, ob er das Zimmer für ein Meeting brauchen könnte. Kurz überlegt nicht lange und gibt den Raum frei, der Raum war schliesslich reserviert. Also geht das Gespräch in einem anderen Raum weiter, konkret heisst das, im Büro seines anwesenden Vaters. Diesen stört es überhaupt nicht, dass Kurz in seinem Büro ein Interview gibt. Pragmatismus scheint eine grosse Stärke dieses Teams zu sein.
Die Geschichte mit dem Hut
Vielleicht liegt eine Ursache seines Führungsstils in seinem eigenen Werdegang. «Ich selbst habe auch nie ins System gepasst. Ich hatte schon immer zu viel Energie, eine grosse Klappe und eine eigene Meinung. Das liess sich mit dem klassischen Schulalltag mehr schlecht als recht vereinbaren.»
In Erinnerung bleibt ihm ganz besonders eine Geschichte aus seiner Zeit als Schüler: «Ich trage eigentlich schon immer Hüte. Auch in der Schule trug ich Hüte. Nachdem mir ein Lehrer befohlen hatte, den Hut vom Kopf zu nehmen, ich mich aber weigerte, nahm er den Hut und warf ihn aus dem Fenster. Als ich aufstehen und den Hut holen gehen wollte, wies mich mein Lehrer zurecht. Wenn ich jetzt ginge, bräuchte ich nicht wiederzukommen. Ich holte den Hut und ging nach Hause.» Nach einer kurzen Pause ergänzt Kurz: «Ich wiederholte die 5. Klasse.»
Gerade während der Schulzeit hatte sich der Hutträger erhofft, nach Massstäben bewertet zu werden, die der Individualität von Kindern gerechter würden. «In der Schule wurde mir nie das Gefühl vermittelt, dass ich o. k. bin, so wie ich bin.»
Toni Kurz (rechts) mit Fabian Zürcher (links), Geschäftsführer von Outlet King. Foto: zvg
Heute lebt der junge Unternehmer erst recht so, wie er es möchte. In seinem Fall heisst das, immer wieder Neues auszuprobieren. Beispielsweise ging er kürzlich mit einem Mitarbeiter, «Wäzu», frühmorgens joggen und sich im Thunersee abkühlen. Danach frühstückten die beiden gemeinsam und machten sich auf den Weg zur Arbeit. «Ich hatte den ganzen Tag das Gefühl, Bäume ausreissen zu können», schwärmt Toni sichtlich begeistert.
Aber um «sich selber zu finden», sucht er hin und wieder Ruhe und meditiert. «Ich bin kein Guru oder so, doch manchmal tut es gut, seine Gedanken zu beobachten.»
Natürlich spürt auch Kurz hin und wieder Angst, gerade wenn er wieder ein neues Projekt beginnen möchte und nicht weiss, ob es gelingt oder nicht. In solchen Fällen denkt er über seine Ängste nach: «Manchmal frage ich mich schon, ob das Geplante oder Bevorstehende auch wirklich gelingt. Doch eigentlich ist der Worst Case schlichtweg der, dass es nicht mehr funktioniert. Zudem sagt man ja, dass ungefähr 85 Prozent der Sorgen grundlos seien. Ich konzentriere mich dann auf die restlichen 15 Prozent.» Damit er allfällige Sorgen um die Mitarbeitenden in Grenzen halten kann, informiert er sein Team laufend darüber, wie es dem Unternehmen geht. «Läuft ein Monat mal nicht so gut, finden wir zusammen heraus, woran das liegt und was wir ändern können», so Kurz, «mir ist Transparenz im Team sehr wichtig.» Aktuell scheint sich Toni beruflich sowieso keine Sorgen machen zu müssen, es läuft gut, was sicherlich mit seinem unternehmerischen Geschick zusammenhängt.
Zurück zu den Kleidern
Outlet-Geschäfte wie der Outlet King in Spiez verkaufen Waren aus nicht mehr aktuellen Kollektionen, Überproduktionen oder aus ihrer nachhaltigen Retourenlösung. Dementsprechend können Outlets ihre Produkte zu günstigeren Preisen anbieten.
Kurz’ Ziel für den Outlet King in Spiez liegt in einer angepeilten Preisreduktion von 80 Prozent im Vergleich zu den Originalpreisen. Zudem plant er eine Expansion, vier bis sechs neue Filialen sollen in der Schweiz öffnen, dazu noch Pop-Up-Outlet-Events im Sinne eines «Rampenverkaufs». Der erste findet vom 2. bis 5. Oktober 2024 in der Thun Expo statt. Auch könnte er sich gut vorstellen, mit internationalen Partnern zu arbeiten. Nach oben hin sind seine Visionen grenzenlos, «the sky is the limit», wie er selbst betont.
In der Branche hat er sich in den letzten Jahren durch seinen Umgang mit Rücksendungen einen Namen gemacht. Viele Menschen bestellen bei Onlinehändlern Kleidungsstücke, die sie anprobieren, vielleicht sogar ein, zwei Tage tragen und anschliessend wieder zurücksenden. Solche Retouren landen letzten Endes viel zu häufig in viel zu grosser Zahl auf dem Müll oder werden verbrannt, deshalb möchte Kurz hier dagegenwirken und lässt sich solche Retouren zuliefern. Während im Outlet King nur neuwertige Waren angeboten werden, spendet Kurz die nicht verkäuflichen Stücke entweder Privatpersonen oder bietet sie künftig beispielsweise in seinen Pop-Up-Shops an. Für letztere sucht er aktuell Organisationen, die mit ihm eine Partnerschaft eingehen.
Dass er Retouren weiterverkaufen möchte, hatte er bereits in seinem ersten Businessplan 2012 festgehalten. Aber erst im Laufe der Jahre verstand Kurz die Wichtigkeit seines Vorhabens aus Nachhaltigkeitsperspektive, denn aus dieser geht das Thema «noch viel tiefer». Der ökologische Fussabdruck der Textilbranche ist nicht zu unterschätzen. Mit seinem Weiterverkauf der Retouren verkleinert Kurz ihn zumindest ein bisschen. Aber sein Konzept hilft nicht nur bei der Bekämpfung ökologischer Dringlichkeiten, sondern auch sozialer. Schliesslich verkauft er seine Waren im Outlet zu einem deutlich niedrigeren Preis, damit sich auch finanziell weniger gut situierte Menschen qualitativ hochwertige Produkte leisten können.
Familienunternehmen
Bereits als Kind lernte Kurz das Unternehmertum auf spielerische Weise kennen. Sein Vater Thomas Rüegsegger spielte hierfür eine zentrale Rolle. Später schloss Kurz eine Lehre als Sportartikelverkäufer ab. Danach kam sein Vater auf ihn und seine Schwester Amanda zu und fragte sie, ob sie nicht ein Unternehmen gründen möchten. Gesagt, getan. 2013 eröffnete der Outlet King Spiez. Bis heute darf Kurz seinen Vater, seine Mutter und seine Schwester zu seinem Team zählen.
Erfolgsrezept
Der Erfolg Kurz’ als Unternehmer liegt seiner Ansicht nach vor allem darin, dass er «einfach macht». Anstelle davon, zu lange über etwas nachzudenken, probiert er es einfach aus. Er ist sich ja des Worst Case bewusst.
Noch etwas anderes hilft ihm: «Ich spreche gerne mit Menschen, aber ich höre auch sehr gerne zu. Verstehe ich etwas nicht, gestehe ich mir das ein und frage andere um Rat. Wenn ich Hilfe brauche, dann hole ich mir welche.» Trifft er auf Unternehmer, die ihn beeindrucken, fragt er sie immer dasselbe: «Was hast du zwischen deinem 20. und 30. Lebensjahr getan, damit du heute dort bist, wo du bist?» Dank dieser Frage habe er bereits viele wertvolle Tipps mit auf den Weg genommen.
Als er kürzlich die Möglichkeit hatte, eine Woche mit dem Unternehmer und Milliardär Richard Branson auf einer Privatinsel zu sein und mit anderen Unternehmern Zeit zu verbringen, nutzte er die Gelegenheit, «als kleiner Fisch aus dem Berner Oberland» von den grossen Fischen zu profitieren. Sein Mut und Selbstvertrauen halfen ihm dabei. Als beispielsweise an einem Tag ein Platz neben Branson am Tisch frei war, überlegte Kurz nicht lange, fragte nach, ob der Platz frei wäre, setzte sich neben den Milliardär und suchte das Gespräch mit ihm.
Aber Kurz hört nicht nur anderen erfolgreichen Unternehmern zu. Er gehört selbst zu diesen. Als «Mutmacher» tritt er immer wieder auf Bühnen auf und berichtet anderen Unternehmern von seinen Erfahrungen. Egal, ob junge oder alte, erfahrene oder unerfahrene Unternehmende, viele möchten von Kurz lernen. Stellen diese ihm die Frage, wie er all seine Erfolge erzielt habe, antwortet er immer gleich: «Ich mache einfach.»