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Ein Zauberer bewegter Bilder

Film | Filme haben heute eine wichtige gesellschaftliche Bedeutung. Sie dienen unter anderem der Unterhaltung, Werbung oder Information. Sandro Rossi gehört zu jenen, die die bewegten Bilder produzieren: Er ist Filmemacher.

| Thomas Abplanalp | Begegnung
Ein Zauberer bewegter Bilder
Am Computer schneidet Sandro Rossi die Aufnahmen zu einem Film zusammen. Foto: zvg

Seit der griechischen Antike folgen Heldenreisen in der Literatur einem ähnlichen Muster. Irgendwo muss die Geschichte beginnen. Diese Geschichte beginnt in Thun in einer alten Fabrikhalle, direkt an der Aare, das Schloss Thun im Hintergrund. Der Eingang ist fast so gut versteckt wie das Waldhaus einer Hexe oder eine verwunschene Höhle in einem Märchen. Der Raum zieht einen beim Betreten in eine andere Welt. Allerlei Requisiten tummeln sich rings um einen weissen Hintergrund für Foto- oder Filmaufnahmen. Eine Treppe führt hinauf in eine schmale- Galerie, auf der wenige Schreibtische, Computer und eine Kamera stehen.

Früh übt sich

Jede Heldenreise braucht einen Helden. Der Held dieser Geschichte heisst Sandro Rossi. In einer sympathisch-lässigen Art sitzt der 29-Jährige an einem Computer und schneidet ein Musik-video. Obschon er einen Bachelor in Maschinenbau abgeschlossen hat, zog ihn das Filmemachen auch auf beruflicher Ebene in den Bann.
Aber er bestreitet dieses Abenteuer nicht alleine. Während Harry Potter Hermine und Ron an seiner Seite hat und Frodo Beutlin auf Sam zählen kann, erhält Sandro Unterstützung von Marco Hunkeler, einem langjährigen Freund aus Kindertagen. Bereits während ihrer Schulzeit produzierten die beiden Filme. 2010 gewannen sie einen Preis an den Jugendfilmtagen in Zürich. Ihr Kurzfilm war «so eine Art Komödie», sagt Sandro. Dabei schwingt ein gewisser Stolz auf diese Leistung mit. Aber vielleicht auch eine leichte Scham. Denn heute, 14 Jahre später und viele Erfahrungen und Fähigkeiten reicher, hätte der Film wohl etwas anders ausgesehen.

Film auf Wunsch

Komödien produziert Sandro aktuell keine. 2023 gründete er mit Marco zusammen die Off Stage GmbH (offstageproductions.ch). In einer Heldenreise entspricht dieser Schritt der Überwindung des Protagonisten, die gewohnte Umgebung zu verlassen und sich ins Ungewisse zu stürzen.
Das Ungewisse begleitet Sandro tagtäglich auf seiner Arbeit. Jedes Filmprojekt, das er mit Marco zusammen realisiert, ist anders, eine neue Bewährungsprobe. Schliesslich planen und produzieren sie Filme für Kunden, die gemäss Sandro «mit einer mehr oder weniger klaren Vorstellung» auf die beiden Helden zukommen. Egal ob ein Imagefilm für Unternehmen, ein Werbe-clip oder Musikvideo, Sandro hilft seinen Kunden dabei, sie im wörtlichen Sinne ins beste Licht zu rücken. Die Palette an Unternehmen, für die Sandro Filme produziert, reicht von Restaurants, Hotels über Einkaufsläden bis hin zu Musikbands.

Jeder Film ein Abenteuer

Als kompaktes Filmteam sind Sandro und Marco bei ihren Projekten oft von der Konzeption bis zum fertigen Film stark involviert. Als Erstes folgt ein Gespräch mit ihrem Kunden. Bei diesem Austausch klären sie die Vorstellungen ab, oder machen ein erstes Brainstorming. Auf den Einsatz von künstlicher Intelligenz verzichtet Sandro dabei. Er will, dass seine Filme auch wirklich seine Ideen sind. Also schreibt er einen ersten Entwurf des Drehbuchs und beginnt mit dem Locationscouting, das heisst, er sucht passende Drehorte.
Damit er nicht Gefahr läuft, irgendeinen Film zu drehen, den der Kunde letzten Endes nicht möchte, erstellt er mit Marco jeweils einen Filmentwurf. Dafür übernehmen sie die Schauspielrollen selbst und filmen die Szenen an den jeweiligen Drehorten als Ideenskizze, das heisst ohne Setdesign, Ausleuchtung, Stativ und dergleichen. Häufig bauen sie in diese Filme dann noch Symbolbilder ein und schneiden diesen Entwurf bereits so, wie sie sich den eigentlichen Film vorstellen. Bei einem Werbefilm für ein Restaurant gehen sie in das entsprechende Lokal und stellen sich selbst hinter den Herd in der Küche, um den Koch zu spielen.
Diesen Entwurf bespricht Sandro anschliessend mit dem Kunden. Sobald alle Änderungsvorschläge geklärt sind, beginnt die eigentliche Planung des Drehs. Je nach Drehort braucht er eine Drehgenehmigung; Schauspieler, Maskenbildner und allfällige Helfer für den Bau der Kulissen müssen engagiert werden; auch die Organisation von Verpflegung und allerlei Material gehört dazu, dasselbe gilt für den Transport all dieser Güter und Personen.

Marco Hunkeler und Sandro Rossi in ihrem Element. Foto: Manuel Lopez/zvg


Die Drehs selbst verlaufen «teilweise offen, teilweise arbeiten wir schlichtweg die Shotlist ab», erklärt Sandro. Letzteres bedeutet, dass er bereits jede einzelne Aufnahme des Films im Voraus geplant hat und diese nach und nach abdreht. Da sich aber nicht alles vorhersehen und planen lässt, verlangt ein Dreh hin und wieder auch etwas Spontanität, zum Beispiel dann, wenn die Sonne am Drehtag nicht so scheint, wie Sandro in seiner Funktion als Regisseur es gehofft hat. In diesem Fall müssen Marco und er die Ausleuchtung des Sets entsprechend anpassen.
Damit der Kunde mit dem Ergebnis letzten Endes zufrieden ist, schaut er am Drehtag im besten Fall auch selbst vorbei. Gerade bei Imagefilmen, die mehrere Jahre auf der Webseite von Unternehmen zu sehen sind, kommt dies häufig vor.
Vor allem muss Sandro auch darauf achten, die Kosten für den Dreh einzuhalten. Werden aus einem geplanten Drehtag plötzlich zwei, müssen die Schauspieler, das Material, der Transport, die Verpflegung und alles Weitere vorhanden sein. Das geht ins Geld. Deshalb versucht Sandro in seiner Doppelfunktion als Produzent und Regisseur, einen solchen Dreh möglichst innerhalb der geplanten Frist zu drehen. «So kann ein Drehtag durchaus 14 Stunden dauern.»

Den letzten Schnitt geben

Sobald alle geplanten und ungeplanten Aufnahmen im Kasten sind, folgt die Postproduktion. Das bedeutet, dass die Szenen aneinandergehängt, geschnitten, einzelne Aufnahmen bearbeitet und der dazugehörige Ton hinzugefügt werden müssen. Diese Arbeit gleicht gemäss Sandro einem «Puzzle, bei dem viele Einzelteile zu einem Gesamtbild zusammengesetzt werden müssen».
Bei einem Blick über Sandros Schulter erinnert diese Arbeit an einen Koch, der aus vielen verschiedenen Zutaten in seiner Küche etwas Schmackhaftes zubereitet. Sandro sieht in dieser Analogie eine weitere Parallele: «Investiert ein Koch viel Zeit und Energie in ein Gericht, kommt das dem Gast zugute. Er sieht und schmeckt, dass viel Aufwand darin steckt. Bei einem Film sieht und hört man das auch.» Erzählt Sandro einem von einer Filmproduktion, begreift man schnell, wie viel Arbeit ein guter Film benötigt. Deshalb können von einer ersten Anfrage eines Kunden bis zu einem fertigen dreiminütigen Film ohne weiteres drei Monate vergehen.

Tolles Teamwork

Dass Sandro und Marco das Abenteuer Filmemachen seit über zehn Jahren gemeinsam bestreiten, merkt man den beiden in jeder Sekunde an. Während des Interviews mit Sandro arbeitet Marco fleissig weiter und hört parallel mit einem Ohr zu. Denn kaum hat Sandro seine Ausführungen beendet, zeigt Marco an seinem Computer das, was sein Geschäftspartner wenige Augenblicke zuvor theoretisch erklärt hat. So funktioniert Teamwork.
Sandro geniesst die Zusammenarbeit sehr, allein schon deshalb, weil die Aufgabenteilung den jeweiligen Interessen der Freunde entspricht: «Marco ist vor allem für die technischen Aspekte zuständig, das heisst vor allem für die Kameraarbeit, die Ausleuchtung des Sets und die Tonaufnahmen. Als Regisseur leite ich den Ablauf der Produktion und versuche am Set, meine Vision des Films umzusetzen.» Dabei ist es Sandro am wichtigsten, wenn sie sein Kopfkino, das er hatte, in die Realität umsetzen können. Aber für das Tüpfelchen auf dem i, wie die perfekte Bildgestaltung, sorgt dann noch Marco, gibt Sandro zu: «Ich bin oft ein 80/20-Mensch. In gewissen Projektphasen ist es wichtig, mit 20 Prozent Aufwand 80 Prozent des Resultats zu erzielen». Doch Marco holt dann mit seiner Liebe zum Detail noch die anderen 20 Prozent aus dem Projekt heraus.» Sandro gibt nämlich zu, dass ihm «Gvätterliarbeit» nicht liege. Vor Neid auf ein sich so gut ergänzendes Team fiele selbst Harry Potter der Zauberstab aus den Händen oder Frodo der Ring vom Finger.

Der Weg ist das Ziel

Harry Potter möchte Voldemort besiegen, Frodo den Ring zerstören; in klassischen Heldenreisen verfolgt der Held ein klares Ziel, das alle Gefahren, Mühseligkeiten und Anstrengungen rechtfertigt. Sandro scheint sein Ziel bereits erreicht zu haben: «Ich möchte selbstbestimmt arbeiten und leben. Vor allem möchte ich auch meine Kreativität ausleben.» Grundsätzlich habe er sein grösstes Ziel also schon erreicht. Nach einer kurzen Denkpause fügt er aber noch hinzu, dass etwas mehr Arbeitsmaterial und möglicherweise ein, zwei Helfer hin und wieder praktisch wären. Er möchte kein Imperium gründen, «nur ein wenig wachsen».
Bezogen auf filmische Inhalte reizt Sandro auch das Fiktionale. Gerne «möchte ich einmal etwas Grösseres, Fiktionales machen, ein bisschen so wie Tschugger», erzählt er.
Im Gespräch mit ihm wird dabei deutlich, wie sehr er es auch nach über zehn Jahren Filmemachen immer noch liebt, bewegten Bildern Magie einzuhauchen. Gandalf und Dumbledore können einpacken.

Die Magie des Films

Während Sandro im Berufsalltag Auftragsfilme produziert und somit Ideen anderer realisieren muss beziehungsweise darf, lässt er seinen kreativen Ideen in der Freizeit freien Lauf. Wie der Zufall es will, spielt Sandro in einer Band, für die er entsprechend Musik-videos realisiert hat. Und für einen eigenen Youtube-Kanal macht er Filme von seinen Reisen.
Natürlich macht Sandro nicht nur selbst Filme, er sieht sich auch gerne welche an. Die Vermutung liegt nahe, dass er dabei sehr kritisch unterwegs ist, jeden Schnitt, jedes bildsprachliche Element und die Dramaturgie analysiert. Doch der Schein trügt. «Wenn ich mir einen Film anschaue, soll er mich in eine andere Welt ziehen, ich will die Magie spüren», erklärt Sandro. Wie der Film das letzten Endes schafft, spielt dem Filmfan keine Rolle.

Das Abenteuer geht weiter

Die Auftraggeber von Sandro und Marco kommen aus allen Ecken der Schweiz, teilweise sogar aus Deutschland. Dementsprechend entdecken die beiden die Schweiz und ihre Menschen aus einer ganz eigenen Perspektive. Es bleibt zu hoffen, dass das Abenteuer von ihnen noch viele Jahre weitergeht.


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