Ist die «Technik eines Jahrhunderts» verloren?
Thun | David Pfister hat in 40 Jahren eine einzigartige Sammlung technischer Kulturgüter zusammengetragen – nun wurde ihm der Pachtvertrag gekündigt. Der Sammler soll innert Jahresfrist die Zeitzeugen aus dem Holzpavillon, den er selbst hergerichtet hat, entfernen und den Pavillon abbrechen.

In den Holzpavillon, in dem David Pfisters technische Gerätschaften eines ganzen Jahrhunderts gesammelt und dokumentiert sind (und zwar jenes Jahrhunderts, in dem technisch am meisten passierte), gehören Schulklassen. Und Sammler Pfister selbst gehört in Schulklassen: Denn was der ehemalige Architekt über seine gesammelten Gerätschaften weiss, wohlverstanden alles Zeitzeugen und Kulturgüter, ist immens. Dieses Wissen ist, ausser im Kopf des leidenschaftlichen Sammlers, in den Geräten gespeichert. In Radios, Fernsehröhren, Foto- und Filmkameras, Porzellanschaltern, Telefonen, Messgeräten, Funkgeräten – und gar einem namenlosen Gerät, mittels dessen früher Insassen sogenannter Irrenanstalten hochdosierte Stromstösse erhielten … Stockhorn als Kulisse Es ist eiskalt im Holzpavillon – aber überwältigend der Anblick: David Pfister führt die Besucherin in den Holzpavillon, den seine Frau vor gut 30 Jahren kaufte und er renovierte, und der 1967 als Freizeitpavillon baubewilligt worden war. Seit 56 Jahren stehe der Pavillon legal am Winkelweg in der Landwirtschaftszone. «Deshalb ging ich davon aus, dass die Erbengemeinschaft mit dem Land keinen namhaften Ertrag erwirtschaften könne.» Leider habe er falsch gedacht. Weil die einstige Vermieterin starb, fordert die Erbengemeinschaft nun, dass Pfister den Pavillon bis Ende 2024 räumt und abbricht – was beim Sammler (und der Besucherin) die pure Verzweiflung auslöst. «Eigentlich bräuchte ich mehr Platz und einen Nachfolger, statt alles auseinanderzureissen.» Der agile 78-Jährige hofft nun auf eine für alle gute Lösung und einen gangbaren Weg. Als Technikinteressierter führte Pfister über eine lange Zeitspanne hinweg Umbauten für die Militärbetriebe aus. «Zuletzt baute ich Wohnhäuser im Dürrenast und in Uetendorf.» Als Techniksammler kennt er die schweizerische Sammlerszene sehr gut. Deshalb wisse er, «dass öffentliche Institutionen an technischem Kulturgut wenig Interesse haben und die aktiven privaten Sammler langsam aussterben.» Nun also droht der wertvollen Sammlung das Aus, «weil mir das Land, auf dem der Sammlerpavillon steht, leider nicht gehört». Das Baurecht wurde gekündigt. Eine tragbare Alternative sei nicht in Aussicht. «Mit der AHV lassen sich keine anderen Räumlichkeiten finanzieren.» Für den Rückbau des Gebäudes mit ungefähr 120 Quadratmetern Nutzfläche werde es eine Abbruchbewilligung brauchen. «Diese wird mehrere zehntausend Franken kosten. So bin ich gezwungen, mein Lebenswerk zu verramschen.» Nach Artikel 24 des Raumplanungsgesetzes dürfen Gebäude, die regulär erstellt wurden, weiterbestehen. «Die neue Besitzerin will nun aber, dass der Pavillon entfernt wird, obschon damit für sie als Erbengemeinschaft meines Erachtens nur ein Nachteil entsteht, weil dann der Baurechtszins wegfällt und als Schafweide eigentlich kein Ertrag in Aussicht steht.» Eine Begründung wolle die Eigentümerin nicht angeben. «Mich erstaunt und befremdet es, dass sogar hierzulande ganz legal mit fremdem Eigentum umgegangen werden kann, nur um das eigene zu bewahren, selbst wenn es sich um Kulturgut der Allgemeinheit handelt.» 600 Radiogeräte Die Sammlung im Holzpavillon ist einzigartig und beeindruckend und klar von überregionaler Bedeutung. Pfister zeigt der Besucherin seine ungefähr 600 Radiogeräte, eine zusätzliche Sammlung von Radioröhren, es sind um die 3500 Stück, und etwa 260 Amateurfilmkameras. Dazu sind Gerätschaften aus allen technischen Gebieten vorhanden, vom Trichtergrammofon bis zur grossen TV-Kamera aus dem Bundeshaus. «Diese professionelle Fernsehkamera des Schweizer Fernsehens kostete damals eine halbe Million Franken. 250 000 Franken das vordere Teil und ebenso viel das hintere.» In der Datenbank sind etwa 2500 Artikel mit ihren Daten festgehalten. Ein Teil der kleineren Objekte ist nicht aufgestellt und ruht in Archivkartons. «Der Pavillon war ursprünglich für ein permanentes Schaulager gedacht. Nach vielen zusätzlichen Eingängen ist die Sammlung aber so gross geworden, dass die Räume überfüllt sind und es mehr Platz bräuchte.» Das Sammelgut sei für viele nationale Ausstellungen zur Verfügung gestellt worden, so Pfister. «Wie zum Beispiel für Jubiläen der SRG.» Was David Pfister nun mit all den zusammengetragenen technischen Kulturgütern und der ganzen Infrastruktur machen kann, weiss er nicht – und dies bedrückt ihn. «Der Pavillon besteht im Hauptteil aus einer ehemaligen Militärbaracke, die ausgebaut und erweitert wurde.» Aussen sei er bisher auf drei Seiten mit einer Naturholzverkleidung versehen worden. Er stehe auf Säulenfundamenten und habe einen Stromanschluss (neues Tableau mit Erweiterung für 110 V und 4-60 V AC+DC) mit Fehlerstromschutzschaltern. Damals, 1967, sei er regulär durch Kunststoff-Bootsbauer in der Landwirtschaftszone aufgebaut worden und auf unbestimmte Zeit baubewilligt gewesen. «Nun, nach etlichen Jahren Baurecht, steht er vertragslos auf dem Grundstück. Eine Weiterführung irgendeiner Baurechtsform wurde bisher durch die Grundeigentümerin abgelehnt.» Wollen Sie nicht noch einmal das Gespräch mit der Erbengemeinschaft suchen? David Pfister nickt: «Doch, wenn ich ihnen nur den Wert der Ausstellungsstücke vermitteln könnte …» Röntgenapparat und Kinoanlage David Pfister trug die Gerätschaften aus der ganzen Schweiz und dem nahen Ausland zusammen. «Der Röntgenapparat kommt aus Basel, die Ladenkasse aus St. Gallen, die Kinoanlage aus Erfurt und viele Kameras aus Deutschland.» Das meiste sei in einer Grossdatenbank mit allen betriebs- und technischen Angaben registriert. «Festgehalten sind Herkunft, Alter, Kaufpreis, technische Daten, Zustand und Funktion der meistens restaurierten Objekte.» Einen Teil der kleineren Objekte konnte der Sammler nicht ausstellen. Sie lagern, genauso wie zig andere Gerätschaften und alte Langspielplatten, in Archivkartons. Aus Platzgründen sei bis anhin eine Ausstellung im Pavillon nicht möglich gewesen, daran gedacht habe er oft, so Pfister. «Ein Teil der eingelagerten Geräte wurde aber an diversen nationalen Ausstellungen gezeigt. Sie wurden mehrheitlich aus diesem Bestand bestückt.» Diese Ausstellungen seien durch den Verein HistoriAV, Zürich, organisiert worden, bei dem David Pfister Vorstandsmitglied und Kurator war. «Der Verein wurde mittlerweile aufgelöst», sagt er und beugt sich über die Klingeln, die alle funktionieren. So wie auch die alten Fernsehröhren, die Blackbox des Flugzeugs, die Kameras. «Ich wäre schon traurig, wenn die Sammlung aufgelöst würde.»
Inhalt der Sammlung
Elektrogeräte, Motoren, Sicherungen, Werkstattgeräte, Hausklingeln, Röntgenapparat, Studioeinrichtungen, Mischpulte, Mikrofone, Tonbänder, Projektoren, Telefone, Tonanlage, Schalttableau, Kinofilme, Radios, Telefonrundspruchgeräte, Plattenspieler, Grammofone, Kassettengeräte, Fernseher, Mischpulte, Kabelsortiment, Höranlage, Funkgeräte, Computer und Zubehör, Nähmaschinen, Staubsauger, Taschenlampen, Schreibmaschinen, Rechenmaschinen, Physik-Geräte, Schulgeräte, medizinische Geräte… Detaillierte Liste über David Pfister einsehbar. Interessierte und «Retter» wenden sich an: 033 336 80 55 (ab 9 Uhr).
pd