Zahnbehandlung im Slum: Wenn Helfen Kreise zieht
Thun | Zahnarzt Roland Eisenring und seine Frau Anna-Marie aus Hünibach begannen vor 38 Jahren, in ihren Ferien in Zweit- und Drittweltländer zu reisen und Menschen mit Zahnproblemen vor Ort zu behandeln. Aus diesen Urlaubseinsätzen entwickelte sich Ungeahntes, das bis heute nachwirkt.

Im Jahr 1986 reisten Roland und Anna-Marie Eisenring in ihren Ferien mit einer mobilen Zahnarztpraxis nach Brasilien und begannen, in den Favelas Zähne zu behandeln. Diese Art von Urlaub wurde fortan für sie und ihre Familie zur Normalität. Nach wiederholten Brasilieneinsätzen reisten sie ins Hochland von Peru, flogen nach Indien, behandelten Roma in Rumänien, reisten nach Sibirien und insgesamt siebenmal in die Mongolei – alles aus eigener Tasche finanziert. In der Mongolei arbeiteten sie in Gefängnissen, unterrichteten zusätzlich an der Universität von Ulan Bator und führten die bis dahin dort wenig bekannte Zahnprophylaxe im Land ein. In die Gefängnisse nahmen sie Studenten mit, um ihnen die Augen für den Blick in eine andere Welt zu öffnen. «Wir haben uns immer von Gott führen lassen, und es haben sich ungeahnte Türen aufgetan», blickt Anna-Marie Eisenring heute auf diese aktiven Jahre zurück.
Roland und Anna-Marie Eisenring. Foto: zvg
In den Slums von Nairobi
2006 begann das Paar, nach Afrika zu reisen. Zusammen mit Mercy Air und deren Pilot Matthias Reuter, ebenfalls aus der Region Thun, wurden Helikoptereinsätze im Busch von Mosambik möglich. Später kam Kenia dazu, das sich seither zu einem Schwerpunktland ihrer sozial-karitativen Arbeit entwickelt hat. Kenia ist 14-mal grösser als die Schweiz und hat 53 Millionen Einwohner. Von den 4,5 Millionen Einwohnern der Hauptstadt Nairobi leben mehr als die Hälfte in Slums.
Hilfe auch im Gefängnis
Roland und Anna-Marie Eisenring wurden offiziell in die kenianischen Gefängnisse eingeladen, die sie nun seit 2007 jährlich besuchen. Gefängnisseelsorger Philemon Rotich: «Es gibt hier keinen Zahnarzt, der ins Gefängnis gehen würde. Die wollen nur Geld verdienen. Dabei leiden hier so viele an grossen Zahnschmerzen! Da ist der Dienst der Eisenrings ein ganz grosser Segen.» Roland Eisenring beschränkt sich meist auf die Schmerzbehandlung, zieht kariöse Zähne, behandelt eitrige Abszesse oder parodontale Infekte und näht Wunden; seine Frau assistiert. Roland Eisenring: «Das Schöne ist, dass die Behandlung ein unmittelbares Resultat zeigt. Am nächsten Tag ist der Schmerz weg, und wenn ich ihre lächelnden Gesichter sehe, weiss ich: Es hat sich gelohnt.» Eisenrings versuchten immer, die Menschen nicht als Nummern zu sehen, sondern «jedem die Liebe Gottes zu bringen». Zusätzlich flog Anna-Marie öfters allein nach Kenia, um in Heimen, Schulen, Gefängnissen und anderen Institutionen dentale Prophylaxe zu unterrichten. Dabei reiste sie mit Einheimischen und lebte auch bei ihnen.
Hoffnung säen
Durch diese wiederholten Einsätze entstanden enge Freundschaften mit Einheimischen, aus denen sich neue Visionen entwickelten, um gemeinsam der grossen sozialen und menschlichen Not im Land Ideen und Initiative entgegenzusetzen. Im Jahr 2012 gründeten Eisenrings darum zusammen mit ihren Kindern und einigen Freunden in der Schweiz den Verein «Network Diaspora», um gemeinsam mit lokalen Partnern Projekte aufzubauen, die Menschen Hoffnung und eine neue Lebensperspektive geben sollen. «Wir hatten eigentlich nie vor, einen Verein zu gründen», gibt Roland Eisenring zu, «aber es wurde notwendig, weil unsere finanziellen Möglichkeiten begrenzt waren. Und was wir in den vergangenen 12 Jahren für eine Entwicklung und Dynamik in der Zusammenarbeit erlebt haben, übersteigt unsere kühnsten Erwartungen.»
Diaspora bedeutet übrigens «hineinsäen» – und genau das tun Eisenrings seit fast 40 Jahren: mit Folgen, die sie sich bei ihrem ersten Einsatz 1986 in den kühnsten Träumen nicht hätten vorstellen können.
Reinhold Scharnowski (72), pensionierter Pfarrer, heute Redaktor. Mit reformierter Pfarrerin verheiratet, 4 Kinder und 9 Enkel, vielfach interessiert und engagiert. Hat auf drei Kontinenten gelebt, liebt Gott und mag Menschen.
Weg von der Strasse in die Schule
Inzwischen wurden die unterschiedlichsten Projekte aus der Arbeit von Eisenrings geboren:
- Das Excellence Children Center (ECC) entstand aus der Initiative eines ein-heimischen Christen: Moses Wokono wollte Kindern im Slum, die keine Schule besuchen können, die Möglichkeit einer Schulbildung geben. Mitten im Slum von Nairobi ist nun ein Schulzentrum entstanden, in dem heute über 1000 Kinder und Jugendliche Unterricht und ein warmes Mittagessen erhalten. Die Schule hat einen exzellenten Ruf und gehörte bei den Abschlussprüfungen von 2023 zu den besten drei Prozent der Schulen in Nairobi. 2023 wurde Moses die Ehrendoktorwürde für die gros-sen Erfolge mit dem ECC verliehen. Eisenrings brachten seinerzeit aus eigener Tasche den Kredit für den Kauf des Schulgrundstücks auf. Das Land kostete 90 000 und die Gebäude 160 000 Franken. «Als wir diesen Schritt wagten,
öffneten sich Türen und das Geld kam immer mehr zusammen», blicken sie heute dankbar zurück. Im Moment steht die Schule vor einer baulichen Erweiterung. - Das Projekt «Save Me from Street» hilft zerrütteten Familien, Waisen oder
Alleinerziehenden durch Patenschaften und einen Kinderclub und verhindert so, dass Kinder auf der Strasse landen und die ganze Familie auseinanderbricht.
Aktuell wird 45 jungen Menschen eine Schul- und Berufsausbildung ermöglicht und damit der Teufelskreis der Armut durchbrochen. - Das Gian Care Center ist ein ambulantes Therapiezentrum für körperlich und geistig schwer behinderte Kinder. Kenianische Freunde, deren Erstgeborener, Gian, schwer behindert ist, haben dieses Projekt als Betroffene gemeinsam mit Network Diaspora entwickelt. Es sind rund 65 Kinder in einer Therapie, die sie sonst in Kenia kaum erhalten würden. 8 konnten bereits als geheilt entlassen werden. Sie haben gelernt zu gehen.
- In «Vine of Hope» kümmern sich lokale Freunde, die selbst leidvolle Erfahrungen gemacht haben, um Gefangene und Haftentlassene.
- Im «Transformational Ministry» wird die verarmte und perspektivlose Landbevölkerung mit praktischen Kursen und materieller Unterstützung angeleitet, wie sie mit eigenen Händen ihren Lebensunterhalt verdienen können. Das sind Kurse über Hygiene, sauberes Trinkwasser, Gesundheit, Micro Finanzen, Hausgärten, ehrlich Geschäften, in Frieden leben, Familienplanung und vieles mehr. Es sind verschiedene lokale Stämme involviert. Das Werk hat eine eigene Landwirtschaft und Werkstatt, wo die Leitenden berufliche Fähigkeiten er-werben. Zusätzlich wird wöchentlich eine Radiosendung zu verschiedensten Alltagsthemen ausgestrahlt. Im Weiteren betreibt Philemon Rotich, der Leiter der Arbeit, auch eine Reintegration Strafentlassener. Er hilft bei der Versöhnung zwischen Täter und Opfer – in der afrikanischen Schamkultur eine revolutionäre Erfahrung – und bei der Wiedereingliederung in die Gesellschaft durch berufliche Ausbildung.
- Mit «Gospel Through Film» schliesslich wird Jugendlichen in Slums, aber auch Strafgefangenen durch christliche Filme ein persönlicher Glaube und damit eine neue Lebensperspektive vermittelt.
Mehr als nur Entwicklungshilfe
Der Verein Network Diaspora arbeitet nach klaren Grundsätzen:
- Die Projektverantwortlichen sind persönliche afrikanische Freunde, die Herz und Begabung mit Charakter verbinden. «Es ist enorm wichtig, vertrauenswürdige Menschen vor Ort zu haben, die die Situation kennen und eine Vision haben. Wir investieren in ihre Leidenschaft. Wir unterstützen sie, aber es muss ihr Projekt sein», erklärt Roland Eisenring.
- Hilfe zur Selbstständigkeit und Eigenverantwortung: «Blosses Verteilen stürzt tiefer ins Elend und macht abhängig», so Roland Eisenring. Deshalb wird in Materialien investiert, die eine Selbstversorgung ermöglichen.
- Ausbildung wird mit Werteerziehung und Spiritualität verbunden, was in Afrika ganz normal ist. Auf der Basis des christlichen Glaubens werden den Menschen Würde, Wertschätzung und Hoffnung vermittelt, ohne aufdringlich zu missionieren.
- Lokale Verwurzelung: An jedem Ort sieht ein Projekt anders aus. «Die Armut muss aus den Herzen der Menschen geholt werden und nicht die Armen aus ihrem Umfeld.»
Jeder Franken kommt an
Dank ehrenamtlicher Arbeit kann «Network Diaspora» garantieren: «Jeder Franken kommt zu 100 Prozent in Kenia an.» Die Projekte sind organisch gewachsen, lokal verankert und in afrikanischer Hand – und damit ein hervorragendes Beispiel für eine gesunde Partnerschaft mit Europa.
Pressedienst