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Ketten im Kopf

Goldiwil | Etwa 40 Millionen Menschen sind weltweit Opfer von Menschenhandel und moderner Sklaverei. Corinne Wagener sah, wie Frauen, Teenager und Kinder gefangen gehalten und zur Prostitution gezwungen werden – und gründete «Chance Swiss»: Die Spenden fliessen zu 100 Prozent in die Projekte.

| Sonja Laurèle Bauer | Begegnung
Schutzzentrum
Kinder in einem Schutzzentrum einer Organisation, die von «Chance Swiss» unterstützt wird. Foto: zvg

Corinne Wagener ist eine unaufgeregte, ruhige Frau, die sich ihr herzliches Lachen bewahrt hat – trotz all der Geschichten, die sie in den vergangenen 20 Jahren hörte und teilweise sah. In ihrer ganzen Art liegen Gelassenheit, Dankbarkeit und Demut – als Pendant zum unsäglichen Mut, den sie Tag für Tag aufbringt –, obwohl das, was sie weiss und erlebt, wogegen sie kämpft, kaum zu ertragen ist, nicht einmal, wenn es «nur» erzählt wird.

Gemeinsam mit ihrem Mann und den beiden Kindern lebt Wagener oberhalb des Thunersees in Goldiwil am Waldrand. Obwohl die Kinder gerade Ferien haben, arbeiten die Eltern im gemeinsamen Büro, das sich im Wohnhaus befindet. Jeden Tag, weil ihnen der Erfolg recht gibt. «Wenn wir nur ein einziges Kind, das gefangen gehalten, gefoltert und zur Prostitution gezwungen wurde, befreien können, ist unsere Arbeit nicht umsonst», sagt Corinne Wagener. Sie kämpft gegen Verschleppung, Ausbeutung und Missbrauch von Frauen und Kindern in Nepal, Indien und Bang­ladesch. Sex-Tourismus, Flat-Rate-Bordelle (ein Mann kann für einen gewissen Betrag mit so vielen Frauen Sex haben wie er will), Cyberpornografie, Kinderprostitution: Das Geschäft in Asien boomt. «Die Leidtragenden sind die Frauen und Kinder.» 

Zigarettennarben auf dem Arm

Mit 24 Jahren erfüllte sich Corinne Wagener einen Traum: Seit sie ein Kind war, interessierte sie sich für Tibet und reiste via Nepal für acht Wochen dorthin. «Ich wollte mich auf das bis anhin aus der Ferne geliebte Land einlassen, ohne Kompromisse.» Beruflich war sie damals bei «Loeb» in Bern in der Kommunikationsbranche tätig, kümmerte sich um die Werbung, war beruflich fest verankert. «Ich hatte gute Aufstiegschancen, verdiente gut, dachte vor der Reise nicht, dass ich meinen Job danach kündigen würde.» Doch so kam es: Wagener wurde gegen Ende ihrer Reise mit dem Elend der Frauen und Mädchen aus armen Verhältnissen konfrontiert, die mit falschen Versprechen in ein angeblich besseres Leben gelockt werden. «Die Schlepper entführen die Mädchen von Nepal nach Indien. Versprechen ihnen einen Job als Serviererin oder ähnliches.» Die Familien griffen nach jedem Strohhalm, weil sie sich für ihre Kinder ein besseres Leben wünschten als eines mit mangelnder Bildung, schlechter Ernährung und unzureichender Gesundheitsversorgung. «Indien klingt für sie nach Bollywood.» Oder die Mädchen verliebten sich, fielen auf gutaussehende und charmante «Loverboys» herein, die so täten, als würden sie um die Mädchen werben. Sobald sie deren Vertrauen hätten, würden sie sie den Schleppern zuhalten. «Die Mädchen werden auch nach China verschleppt oder in arabische Länder und dort sexuell ausgebeutet. Viele von ihnen sind Kinder.» Die Frauen hätten keine Perspektive und vor allem keine Chance, ihrem Schicksal zu entfliehen. «Sie werden gefangen gehalten und werden durch Folter und mentale Gewalt gefügig gemacht.» 

Zum ersten Mal in Berührung mit dem Thema kam Corinne Wagener, als sie in Kathmandu Gereon, ihren zukünftigen Ehemann und Vater ihrer Kinder – das wusste sie allerdings damals noch nicht – «mit einer Horde Kinder» zur Tür hereinkommen sah. «Er lebte damals bereits seit Jahren in Nepal, ich erholte mich gerade von meinem Trekking. So erfuhr ich, dass er ein Schutzzentrum mit aufgebaut hatte, das von Menschenhandel und Zwangspros­titution betroffene und daraus befreite Frauen und Kinder aufnahm.» Dies war im Jahr 2000. «Ich dachte, das kann doch nicht sein. In so einem schönen Land …»

Sie bat Gereon, ihr das Hilfswerk «Maiti Nepal» zu zeigen. «Wenn eine Frau heiratet, verlässt sie ihr Mutterhaus, das Maiti. Wird sie aber verschleppt, verliert sie ihr Maiti, kann nicht mehr heiraten. ‹Maiti Nepal› will den Frauen das Mutterhaus zurückgeben.» Gereon habe auch für eine andere Organisation gearbeitet: «Nepal Matri Griha» kümmere sich um Kinder aus ärmsten Verhältnissen oder mit einer Beeinträchtigung. Sie habe in den Zentren der Organisationen ein Mädchen gesehen, das gerade mal 14 Jahre alt war. «Es hatte ein Baby auf dem Arm. Gina wurde mit 9 Jahren in die Prostitution entführt. Als ich sie traf, hatte sie Hepatitis, Aids und Tuberkulose – mit 14! Von den seelischen Wunden ganz zu schweigen. Schon als 9-Jährige wurde sie vergewaltigt.» Oder ein anderes Kind, dessen Arme von Narben übersät waren. «Es waren die Narben von Zigaretten, die an ihnen ausgedrückt wurden.» Aber sie wurden gerettet. 

Was geschieht mit jenen, die nicht gerettet werden können? «Sie bleiben gefangen, bis sie krank werden oder sterben.» «Maiti Nepal» nehme befreite Frauen gemeinsam mit ihren Kindern auf. «Sie bekommen dort Sicherheit, Schulbildung, eine Ausbildung und werden schliesslich wieder in die Gesellschaft eingegliedert.» 

Ein Kind online bestellen

«Wie hätte ich einfach heimgehen können und weitermachen wie bisher?!» Corinne Wagener kündigte ihre Arbeit, «weil ich wusste, dass ich etwas Sinnvolles tun musste». Ein Jahr später reiste sie nach Indien, besuchte die Rotlichtviertel mit den Mitarbeitenden von «Maiti Nepal». Schliesslich fing sie an, Geld in der Schweiz zu sammeln. «Erst ging alles auf mein Privatkonto, bis mir jemand riet, einen Verein zu gründen und sich gleich als Kassier zur Verfügung stellte.» So entstand «Chance Swiss». Heute ist der Verein 21 Jahre alt. «Wir sammeln Geld und leiten es an die Projekte vor Ort weiter. Es fliesst zu 100 Prozent in die Projekte.

Wir arbeiten mit zehn Partnerorganisationen zusammen, die sich vor Ort darum kümmern, dass die Frauen und Kinder ausgebildet werden und/oder gar nicht erst in die Prostitution gelangen.» Wichtig sei, dass die Menschen aufgeklärt würden und selbst die Initiative ergriffen, «dass sie nicht zu stark abhängig werden von uns». 

Auf der einen Seite verschwänden die Rotlichtviertel nach und nach. «Stattdessen werden heute Frauen und Kinder von Freiern im Wortsinn via Handy bestellt.» Diese Mädchen würden in zentralen Verteilzentren gehalten und von dort aus zum vereinbarten Treffpunkt gebracht. «Heute ist es viel schwieriger, die Kinder zu befreien.» Dennoch gelinge es immer wieder: «Via versteckte Kameras suchen die Ermittler der Organisationen Täter und ihre Kunden. Es sind mutige Menschen, denn sie begeben sich in Lebensgefahr.» Auch habe die sexuelle Ausbeutung von Kindern übers Internet in den vergangenen Jahren stark zugenommen. «Ein Mann, der sich irgendwo auf der Welt befindet, bestellt sich ein Mädchen oder einen Jungen, äussert seine Wünsche: Wie alt das Kind sein soll, was er sehen will usw. Er zahlt mit der Kreditkarte. Danach kann er via Webcam sehen, wie ein anderer Mann oder eine Frau seine Wünsche am Kind umsetzt.» 

Kürzlich habe ein Junge befreit werden können, der bei der Befreiung 5 Jahre alt gewesen sei. Deshalb zahle «Chance Swiss» auch das Gehalt der Ermittler, «die nichts anderes tun als zu versuchen, Kinder zu finden, die via Internet in Livestreams ausgebeutet werden, und die dazugehörenden Täter und Kunden – die es übrigens auch in der Schweiz gibt.» «Chance Swiss» sammle zudem Geld dafür, dass die Täter gefasst werden könnten. «Kürzlich wurde ein Mann am Flughafen verhaftet, sein Laptop wurde konfisziert, was zu weiteren Tätern führte. Das ist ein Erfolg für uns.» Dies sei der Grund, dass sie es aushalte. Denn trotz des Elends überwiege das Gute: «Unsere Partnerorganisationen in Indien haben ein dichtes Informanten-Netzwerk aufgebaut. Im vergangenen Jahr brachen sie einen Rekord, indem sie 530 Frauen und Kinder befreien konnten.» Manchmal seien es gar die Kunden selbst, die ihnen verrieten, wo die Kinder und Frauen festgehalten würden. «Für Tipps, die zur Befreiung eines Menschen führen, gibt es Geld. Das animiert viele Kunden.» 

Kinder unter dem Bett

Seit 20 Jahren erlebt Corinne Wagener solche Geschichten. Sie arbeitet hauptberuflich für «Chance Swiss». Die Verwaltungskosten werden von den Vereinsmitgliedern gedeckt, das Team in der Schweiz wird von Team-Förderern getragen. «Etwa die Hälfte meiner Arbeit ist ehrenamtlich.» Wenn sie aber höre, dass wieder eine Frau aus dem Fenster gesprungen sei, weil sie es nicht mehr ausgehalten habe, oder, dass Kinder unter dem Bett ausharren müssten, während die Mutter Freier empfangen müsse, weil das Zimmer so klein ist, «dann weiss ich, warum ich weitermache». Deshalb hält Corinne Wagener hierzulande auch Vorträge, man kann sie buchen: Um aufzuklären, um Geld zu finden für die verschleppten Frauen und Kinder. «Kürzlich trafen wir in einem unserer Zentren auf eine Witwe, die sich zuvor prostituierte, um ihre drei Mädchen ernähren zu können. Jeden Tag bangte sie um ihre Töchter. Sie befürchtete, dass man sie ihr rauben würde.» Heute sei die Frau mit ihren Kindern durch «Chance Swiss» in Sicherheit. «Ich habe selten so einen glücklichen Menschen wie sie gesehen.» Im Zentrum bekam sie medizinische, psychosoziale und rechtliche Betreuung, wie alle. «Dass sie wieder erstarken konnte.» Ihre eigene Tochter habe sie gefragt, warum die Frauen denn nicht weglaufen würden, da sie ja nicht angekettet seien. «Ich erklärte ihr, dass sie mental gefangen seien, dass sie um ihre Kinder fürchteten, die man ihnen oft wegnehme. Dass manche deshalb nicht gerettet werden wollten, aus Angst, ihre Kinder nie mehr zu sehen. Ich sagte: ‹Weisst du, diese Frauen haben die Ketten im Kopf.›» 

Nein, sie werde nicht müde, für Menschen zu kämpfen: «Wenn nur ein Einziger wieder lacht, dann hat es schon rentiert. Ich höre nicht auf, Spenden zu sammeln. Ich weiss, was mit dem Geld bewirkt werden kann. Denn solange eine einzige Frau, ein einziges Kind verkauft wird, kann niemand von uns frei sein!» 

Empfohlen wird der Youtube-Beitrag: Chance Swiss – engagiert gegen Menschenhandel
www.chanceswiss.ch


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