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Der Biobauer, der über Seil und Feuer läuft

Dynamische Landwirtschaft | Albert Remund war jahrelang Lehrer an der Bioschule Schwand, Münsingen. Der ausgebildete Biobauer war einer der Ersten seiner Zunft und ebnete Gleichgesinnten den steinigen Weg. Seit er 19 Jahre alt ist, praktiziert er Yoga. Heute ist er 75 und Mental-Coach.

| Sonja Laurèle Bauer | Begegnung
Begegnung
Albert Remund auf dem Seil: «Es ist zwar nicht mehr so hoch wie früher, aber das Ziel erreiche ich immer noch.» Foto: Sonja L. Bauer

Albert Remund lebt im Dachstock des eigenen Bauernhauses in Murzelen, das er vor zehn Jahren umbauen liess, inmitten grüner Wiesen. Seine Ausstrahlung ist grossartig. Doch in seinem Reich ist er der Einzige, der «strahlt»: Denn im Haus sind Wände und Böden mit feinmaschigem Drahtgeflecht belegt und geerdet. Elektrosmog und die WLAN-Strahlung, sogar die der Nachbarn, werden weitgehend aufgehalten. Seine Mitbewohner und er beziehen über Glasfaserkabel Internet und TV. Warum er das tat? «Durch meine Tätigkeit als Mental-Coach erfahre ich, wie Menschen unter Schlafstörungen und Müdigkeit leiden, verursacht durch Elektrosmog.» Um dieses Risiko gar nicht einzugehen, habe er vorweg beim Umbau gehandelt. Elektrosmogspannung sei überall. «Elektrosmogschwingung verklumpt die roten Blutkörperchen. So wird weniger Sauerstoff zu den Organen transportiert.» Regeneration sei möglich, indem man sich oft, Handy-los, in der Natur aufhalte.

«Sehet die Vögel an»

Albert Remund ist gross, asketisch, gesund. Man denkt sofort an den Aphorismus «In einem gesunden Körper wohnt ein gesunder Geist». Der 75-Jährige ist Beweis dafür, dass eine bewusste Lebenseinstellung helfen kann, einen ins hohe Alter hinaufzutragen. Aber wie kam er dazu, erst einer der ersten Biobauern zu werden, kaum tierische Produkte zu essen, sich um die Umwelt zu kümmern und schliesslich als Lehrer und Coach zu agieren? Schon als junger Bauer, er war der jüngste Sohn, übernahm er den Hof von seinem Vater. Gleich nach Landwirtschafts- und Rekrutenschule habe er angefangen mit «buure». «Nicht, weil es meine Berufung gewesen wäre, sondern weil es sich ergab.» Noch vor der Hofübernahme habe er zum Yoga gefunden – das war 1967. Remund zeigt das Buch, das ihn damals, als er es im Schaufenster eines Buchladens sah, so elektrisierte. Aufgefallen sei es ihm, weil der Vater eines Freundes dasselbe Buch genutzt habe, um Yoga zu praktizieren. «Er sagte: Wenn ich Yoga übe, bleibe ich gesund.» Das habe ihm Eindruck gemacht. «Ich sah, wie viele Männer damals in der zweiten Lebenshälfte litten. Körperlich und mental. Sie verbitterten, weil sie sich durch die Industrialisierung nicht mehr gebraucht fühlten. Sie hatten keine Freizeitbeschäftigung, weil sie vorher keine Zeit dafür gehabt hatten. Das tat mir leid.» Er habe sich schon als Jugendlicher entschieden, diesem Schicksal entgegenzuwirken. So übte er anhand des Buches erst für sich allein Yoga. Später nahm er Unterricht beim Buchautor Selvarajan Yesudian, der in Bern Yoga unterrichtete. Auch habe ihm die biblische Weisheit gefallen: «Sehet die Vögel. Sie säen nicht, sie ernten nicht und sammeln keine Vorräte in Scheunen; der himmlische Vater ernähret sie doch.» Remund zitiert: «Wer von euch kann mit all seiner Sorge das Leben auch nur um eine kleine Zeitspanne verlängern?»

Universelle Harmonie

Bereits als 22-Jähriger kaufte er den Hof des Vaters und absolvierte die Meisterprüfung. Um ihn nicht vor den Kopf zu stossen, bewirtschaftete er den Hof erst nach dessen Vorbild. Nach zehn Jahren stellte er auf biodynamische Wirtschaftsweise um, «als ich realisierte, dass die Bodenherbizide, die man auf die frisch gesäte Kultur spritzt, die Krümelstruktur zerstören». Er erklärt: «Die Mykorrhiza-Pilze, zusammen mit unzähligen Kleinlebewesen, sind dafür verantwortlich, dass Nährstoffe aufgelöst werden, damit sie die Pflanzen aufnehmen können. Wird diese Verpilzung der Erde mit Pestiziden zerstört, schwemmt der Gewitterregen die oberste Schicht, die fruchtbare Erde, weg.» Der ehemalige Biobauer zeigt auf die Bilder, die ihm bereits vor Jahren halfen, seine Überzeugung auch bei Kollegen und schliesslich bei den Konsumenten durchzusetzen. «Sehen Sie, hier ist ein mit Chemie behandelter, erodierter Boden. Und hier: Der gleiche Ort, die gleichen Bodenbedingungen, die gleiche Kultur. Das Feld wurde nur gestriegelt und gehackt, um Begleitkräuter zu reduzieren. Hier gibt es keine Erosion.» Früh veröffentlichte Remund seine Erkenntnisse in Schweizer Zeitschriften und dokumentierte sie mit Worten wie: «Moderne Landwirtschaft auf der Intensivstation. So wie in der Humanmedizin werden in der intensiv betriebenen Landwirtschaft nur die Symptome bekämpft. Zwangsernährung für ausgelaugte Böden und Gifte statt Heilmittel gegen vermeintliche ‹Schädlinge› und ‹Krankheiten›.» Oder: «Menschliches Verhalten, geprägt mit persönlichem und kollektivem Egoismus, kann als Ursache der globalen Bedrohung der Lebensgrundlagen bezeichnet werden. Ein gesunder Organismus und die Gesundheit in einer Lebensgemeinschaft gibt es nur, wenn das Prinzip der universellen Harmonie gelebt wird. Nur wenn wir alle versuchen, auch auf das Wohl der anderen zu achten und den Lebensgrundlagen gegenüber nicht gleichgültig zu sein, gehen wir in eine lebenswerte Zukunft.» Auch mit dem Fleischessen setzte sich Remund auseinander, recherchierte in alten Schriften der Bibel sowie in der Hindu-Schöpfungslehre der Samkhya, die ihn fasziniert. In dieser werden beispielsweise Zähne und Verdauungstrakt der Lebewesen betrachtet: «Die ebenmässigen Zahnreihen der Menschen sind nicht für das explizite Fleischessen gemacht. Wir sind Fruchtesser», so Remund und verweist auf Swami Sri Yukteswar, der im Buch «Die Heilige Wissenschaft» darlege, wie nur rational ausgerichtete Wissenschaft von falschen Voraussetzungen ausgehe. Beispiel: «Die Körpergrösse messen sie bei den Tieren vom Mund bis zum After, beim Menschen vom Scheitel bis zur Sohle. Die Darmlänge als Vergleichsparameter gibt nun die falsche Aussage, der Mensch gehöre in die Ernährungskategorie der Allesfresser. Stellen wir uns vor, wie mit einer fleischarmen biologischen Vollwertkost Umwelt, Pflanzen, Tiere und die Menschheit gesund und glücklich wären!»

«Tatsachen werden heruntergespielt»

Hans Popp, ehemaliger Vizedirektor des Bundesamtes für Landwirtschaft, mitverantwortlich für die Ausrichtung der Agrarpolitik der Schweiz, besuchte über Jahre regelmässig mit seiner Crew den Biohof von Remund am Steinisweg. Nach anfänglicher Skepsis dem Biolandbau gegenüber wandelte er sich zu dessen überzeugtem Verfechter. Bei der ersten Besichtigung habe er Popp die beiden Felder gezeigt, das konventionelle, erodierte und das biologische, und habe ihn gefragt, welchen Hof er nun kaufen würde, den konventionell oder den biologisch geführten. «Dieses praktische Beispiel und andere Fakten hat Popp vom Skeptiker gegenüber dem Biolandbau zum überzeugten Verfechter desselben verwandelt. So habe ich viel bewegen können. Mehr, als wenn ich Politiker gewesen wäre.» Allerdings habe er auch Widerstand erfahren. Zum Beispiel hätten ihm Berufskollegen vorgeworfen, so wie er produziere, werde die Weltbevölkerung verhungern. Doch er habe sich an die Universität Bern gewandt und zusammen mit einem Ernährungswissenschaftler die Ernährungs- und Energiebilanz des Biohofes erstellt (liegt der Redaktion vor). «Zu meiner Freude sah ich, dass mein Betrieb mit der fleischarmen Biovollwertkost doppelt so viele Einwohner ernähren kann als ein gleich grosser, der mit Kunstdünger produziert.» Die Fleischproduktion in der industriellen Massentierhaltung kritisiert er: «Sie braucht 8 bis 14 Mal mehr Fläche als Getreide-, Acker- und Gemüseanbau, um die gleiche Ernährungsleistung zu erbringen.» Doch diese Tatsachen würden von den Landwirtschaftsvertretern, den Verbänden und der Agroindustrie immer noch heruntergespielt. «Bei einigen berufseigenen Verbänden entwickelte sich eine Eigendynamik, deren Bewirtschafter sich an der Urproduktion bereichern.» Bereits im ersten Jahr seiner «Bauernkarriere», 1973, habe ihn eine Futtermittelfirma angerufen, um nach einer Sondierung im Labor die Qualität des Heustocks zu untersuchen. «Meine erste Investition war der Einbau einer Heubelüftung, damit es keine Gärungsverluste gibt.» Was die Firma nicht wusste: Dass er bereits seine Heuqualität von einem neutralen Forschungslabor untersuchen liess. Mit dem Ergebnis: «Das neutrale Labor wies einen über 30 Prozent höheren Gehalt aus als die Untersuchung der berufseigenen Futtermittelfirma. Zeitgleich erschien ihre Futtermittelaktion – natürlich Soja; die Herkunft Brasilien wurde verschwiegen –, damit die Kühe richtig ernährt würden. Das war doch alles Lug und Trug!» Von diesem Moment an sei er wachsam gewesen. Er habe früh erkannt, wie die natürliche Bodenfruchtbarkeit funktioniere, «mir wurde bewiesen, dass mein Bio-Betrieb mehr Menschen ernährt als jene Betriebe, auf denen mit Spritzmitteln, Pestiziden und Kunstdünger agiert wird. Wenn alle Bauernbetriebe umstellten, wären wir in der Schweiz weitgehend Selbstversorger». So bekam Remund Besuch von Fernsehanstalten aus Frankreich, China und Japan, auch das Schweizer Fernsehen war da.
Doch, ja, er habe trotzdem psychisch gelitten. «Weil die meisten Berufskollegen bis heute nicht umstellten. Sie wollen und können es einfach nicht sehen, dermassen sind sie von der Agrochemie manipuliert.» Die bereits in den 1970er-Jahren erkannten Probleme: «Nitrat im Trinkwasser, überdüngte Seen, Pestizidrückstände in Lebensmitteln, die Antibiotikaresistenzen – wo sind die Fortschritte?» Da der grössere Teil der Landwirte noch nicht bereit sei, die Herausforderungen proaktiv und in Eigenverantwortung anzugehen, «drohen viele an einer chaotischen, behördlichen Regulierungsflut zu ersticken.»

Begegnung klein

Links ein mit Herbizid gespritztes Kartoffelfeld, erodiert. Rechts, zeitgleich unmittelbar daneben, ein Bio-Kartoffelfeld, nicht gespritzt, ohne Erosion. Fotos: zvg

Dem Frühling entgegen

«Jetzt gehen wir dem Frühling entgegen», sagt Albert Remund. Und es klingt zuversichtlich. Seit vielen Jahren befasst er sich mit geisteswissenschaftlichen Themen. In der Yogalehre heisse es, dass sich die Menschen von der Winterzeit (dem Kali Yuga) entfernten, in der die Intuition und die Vernunft kaum gelebt worden seien. «Das Bewusstsein verändert sich nun.» Viele positive Entwicklungen in der Gesellschaft deuteten darauf hin. «Die Auswirkungen des Mittelalters hallen bis heute nach. Nun aber merken die dunklen, egozent-rischen Kräfte, dass es ihnen langsam an den Kragen geht.» Dennoch gelte es, wachsam zu sein: «Wir werden bewusstseinsmässig unten gehalten, stets mit angsteinflössenden Informationen berieselt.» Denn: «Wie wir denken, so entwickelt sich unsere Zukunft.»
1986 gründete Albert Remund sein eigenes Yogaunternehmen. Ja, er habe sich auf die zweite Lebenshälfte vorbereitet, obwohl fünf Tage vor seinem 50. Geburtstag die Scheidung vollzogen wurde. Remund hat zwei Töchter, die sich beide im «grünen Bereich» ausbilden liessen. «Mein Schwiegersohn bewirtschaftet jetzt mein Land, natürlich biologisch.» Als er mit 56 aufhörte, selbst als Biobauer zu arbeiten, machte Remund erst eine Coach- und Hypnoseausbildung. Jetzt bietet er Mentaltraining, Hypnosetherapie und vermehrt Yogaunterricht an. «Mit Freude sehe ich, dass sich meine Jugendvision, in der zweiten Lebenshälfte noch Sinnvolles zu tun, erfüllt hat.» Er könne von den Erfahrungen als Bio-Landwirt profitieren und sie auf die menschliche Ebene übertragen. Er liebe es, mit Menschen zu arbeiten. «So ist die Lebensschule Mentally entstanden.» Heute läuft Albert Remund sowohl übers Seil als auch übers Feuer. Zusammen mit seiner Partnerin bietet er auch diese Kurse an. Feuerlaufen sei nicht einem Druck unterworfen, «sondern ist mit guter Vorbereitung und begeisternder Gedankenkraft zu schaffen.» Löffelbiegeabende werden gelegentlich angeboten. Das funktioniert wirklich? «Ja, mit der unterschätzten Kraft der Gedanken!»
Weil er sehen wollte, ob an der Sache mit den Kornkreisen «was dran ist», flog er nach England und prüfte vor Ort, ob die Halme geknickt seien oder eben nur gebogen. «Als Bauer sah ich sofort, dass sie bei den Internodien energetisch gebogen waren.» Solchermassen motiviert gelinge ihm vieles, «auch weil ich die Kraft der Visualisierung kenne und anwende».

www.mentally.ch


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