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Zum Wohl der Tiere

Thema | Mit 81 Jahren wurden Susanne und Marc Bonanomi vegan. Seit elf Jahren setzt sich das Ehepaar leidenschaftlich für den Veganismus ein. Der Arzt respektiert ihre Ernährungsweise, die beiden sind topfit und auf keine Medikamente angewiesen.

| Bettina Gugger | Gesellschaft
Zum Wohl der Tiere
Marc und Susanne Bonanomi gehen nie schlafen, bevor sie einen etwaigen Konflikt miteinander geklärt haben – das ist eines ihrer Rezepte für eine lebenslange Beziehung. Foto: Nik Egger

Marc Bonanomi steht regelmässig mit seinem Einkaufstrolley irgendwo am Bahnhof Bern, wo er Flyer und Broschüren zum Veganismus verteilt, oftmals begleitet von Ehefrau Susanne. So erinnerte das Ehepaar aus Zollikofen vor Weihnachten mit einem Transparent vor der Heiliggeistkirche an die vielen Tiere, die dem Festessen zum Opfer fallen.
Der «Anzeiger Region Bern» traf das Paar zum Gespräch im vegetarischen und veganen Restaurant Tibits in Bern. Beide tragen einen schwarzen Hoody mit einem Bild eines Lämmchens, darunter die Aufschrift: «Animals are with us. Not for us.» Die beiden sind seit bald 70 Jahren verheiratet. Seit elf Jahren leben sie nun vegan. Bereits in den 60er-Jahren haben sie sich vegetarisch ernährt. Das Paar geniesst den Austausch mit Gleichgesinnten und all jenen, die es noch werden könnten. Die 92 Jahre, die sie auf dem Buckel haben, sind den beiden kaum anzusehen. Sie sprühen vor Lebensenergie. Gemeinsam haben sie vier Kinder, neun Grosskinder und drei Urgrosskinder, das jüngste ist erst vor zwei Monaten zur Welt gekommen. Ein Grosskind lebt ebenfalls vegan, was die Gross-eltern besonders freut. Weihnachten haben die vier Generationen zusammen gefeiert. Die jüngste Tochter organisierte das Fest, es gab zwei Suppen, die eine davon vegan, und neben dem «normalen» Käse auch Käse aus Pflanzenmilch.

Topfit mit veganer Ernährung

In ihrem Alltag essen die beiden viel Gemüse und Salat aus Bioanbau, mittags manchmal Fleischersatzprodukte und abends verarbeiten sie die Reste zu einer Suppe. Regelmässig lassen sie ihre Blutwerte untersuchen. Vitamin B12 müssen Personen, die sich pflanzlich ernähren, substituieren, da B12 dem Tierfutter beigemischt wird und so in den menschlichen Organismus gelangt. Auch den Vitamin-D3-Spiegel halten die Bonanomis im Auge, da Vita-min D3 in der Nahrung nur spärlich vorhanden ist und hauptsächlich mithilfe der Sonneneinstrahlung über die Haut gebildet wird. Da kann es gerade im Winter zu Mangelerscheinungen kommen. Der Arzt respektiert ihre Ernährungsweise, schliesslich sind die beiden topfit, auf keine Medikamente angewiesen.
Ein Paar aus Mühlethurnen, das mit am Tisch sitzt, schaltet sich ins Gespräch ein. Sie leben seit acht Jahren vegan. Die Dame erzählt, wie sie nach nur dreimonatiger veganer Ernährung Asthma, Cholesterin, Migräne und
Allergien in den Griff bekommen habe. Mittlerweile belegen unzählige Studien die Vorteile einer pflanzlichen Ernährung für die menschliche Gesundheit. Sogar die Weltgesundheitsorganisation WHO verweist darauf, dass eine pflanzliche Ernährung die Lebenserwartung verlängere.
Der gesundheitliche Aspekt ist jedoch nur ein Faktor, der die Bonanomis antreibt. Ihnen liegt das Wohl der Tiere und des gesamten Planeten am Herzen. Laut dem WWF wurden in der Schweiz im Jahr 2020 etwa 1,52 Millionen Rinder und 1,35 Millionen Schweine in immer weniger, aber dafür grös-seren Betrieben gehalten. Wegen der steigenden Nachfrage sei die Zahl der Hühner sogar auf 12,4 Millionen gestiegen. Die Schweiz verfügt laut WWF über Wiesen und Weiden, die sich nicht für den Ackerbau eignen. Würden Wiederkäuer nur vom Gras dieser Schweizer Grasflächen und ohne Kraftfuttereinsatz ernährt, würden 60 Prozent Ackerfläche frei, die vorwiegend für pflanzliche Nahrung für Menschen gebraucht werden könnte, so der WWF. «Auch der Bestand an Hühnern und Schweinen müsste dann reduziert werden. Hier könnten nur so viele Tiere gehalten werden, wie mit Nebenprodukten aus der Nahrungsmittelindustrie und Abfällen ernährt werden können», schreibt der WWF. Der Futtermittelimport trägt zur Abholzung der Regenwälder bei. Gerade in Südamerika werden laut WWF Wälder gerodet, um Land für Soja-Monokulturen zu gewinnen.
Die Umstellung auf eine vegane Ernährung reduziere den ökologischen Fussabdruck um 40 Prozent, so die Umweltschutzorganisation.

Spirituelles Fundament

«Die Aufmerksamkeit der jungen Leue lässt sich mit dem Verweis auf Lionel Messi oder Novak Djokovic gewinnen», lacht Marc Bonanomi. Das Paar stösst mit seiner Haltung jedoch auch auf Gegenwind. «Die Menschen haben Angst davor, dass man ihnen etwas wegnehmen will», so Marc Bonanomi. Auch wenn Menschen lauter oder gar beleidigend würden, bleibe ihr Mann gelassen, meint Susanne. Diese Achtsamkeit den Mitmenschen, den Tieren und der Umwelt gegenüber kommt nicht von ungefähr. Marc war Ingenieur beim Bundesamt für Landestopografie, als er 1966 ein Theologiestudium begann. 1970 trat er in Flamatt seine erste Stelle als Pfarrer an. «Das war eine strenge Zeit», erinnert sich Susanne, die Kindergärtnerin war. Die Spiritualität verbindet das Paar, auch wenn sie heute nicht mehr die Kirche besuchen. «Jesus ist ein wichtiger Pfeiler in unserem Leben», so Marc. «Er stand für Frieden, Gewaltlosigkeit, Barmherzigkeit und Einfachheit ein.» Susanne ergänzt: «Wir reisen nicht, fahren kein Auto und kaufen keine unnötigen Kleider.»
Und wieder schaltet sich eine Dame ein, die das Paar erkannt hat: «Ihr leistet einen so wichtigen Beitrag, um das Leben auf dem Planeten zu verbessern. Dabei geht es um so viel mehr als darum, kein Fleisch zu essen. Ihr leistet echte Friedensarbeit.» Die Bonanomis sind gerührt. «Ein solcher Dank rinnt ins Herz», lacht Marc Bonanomi.


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