Der Vater muss sich verstecken
Ausgeschaffte Familie | «Wir sind schockiert, erschüttert und unglaublich wütend! Letzten Dienstag wurden zwei langjährige Teilnehmerinnen unseres Stimmen-Projekts ohne Vorwarnung mit ihren Familien nach Sri Lanka ausgeschafft.» So schrieb es «BRAVA», die Organisation gegen Gewalt an Frauen.

Auch der «Blick» und «Der Bund» schrieben von der Familie aus Enggistein, die am frühen Morgen des 21. November 2023 zwangsmässig aus der Schweiz ausgeschafft wurde – und dies, obwohl der Familienvater ein ausgebildeter IT-Fachmann ist und die Familie bestens integriert: Die Kinder gingen hierzulande in die Schule, sprechen Deutsch. Schliesslich war die Familie acht Jahre lang in der Schweiz … Auf Anordnung des Migrationsdienstes des Kantons Bern, dessen Mitarbeitende niemals selbst vor Ort sind, marschierte die Kantonspolizei Bern ohne Vorwarnung ins Rückkehrzentrum Enggistein und zwang die hochschwangere Thanu, ihren Ehemann Nesakumar und ihre zwei Kinder auf Anordnung des Migrationsdienstes, in knapp 90 Minuten ihre Sachen zu packen. Nicht nur die Medien, die darüber berichteten, sondern der gesamte Kanton Bern schien empört über diesen Entscheid und die Massnahmen. Die Familie spricht Deutsch, ist integriert, der Familienvater könnte helfen, hierzulande den Fachkräftemangel zu mindern – trotzdem wurde die Familie ausgewiesen.
Trotz Traumata und Krankheit
Gemeinsam mit einer anderen Familie aus Biel – dieser Familienvater war aufgrund seiner Lebensgeschichte stark traumatisiert und psychisch krank – und unter einem Polizeiaufgebot von, gemäss Aussagen der Betroffenen, «ungefähr 150 Polizistinnen und Polizisten», wurden sie in ein Flugzeug verfrachtet – im Wortsinn. Der psychisch kranke Mann wurde gezwungen, starke Beruhigungsmittel einzunehmen. Vier Polizisten trugen den stark sedierten Mann ins Flugzeug. Gemäss beteiligten Personen wachte er während des zehnstündigen Fluges nicht auf. Dies alles sei vor den Augen der vier Jahre alten Tochter geschehen. Thanu und Chandrika waren beide aktive Teilnehmerinnen des Projekts «Stimmen geflüchteter Frauen». Chandrika hatte am 10. November noch am Austausch mit Elisabeth Baume-Schneider teilgenommen und der Bundesrätin ihre persönliche Situation als Frau und Mutter im Schweizer Asylsystem geschildert.
Aus den Augen, aus dem Sinn …
Die vier Kinder beider Familien kennen nur die Schweiz. Die Ausschaffung sei zudem ein Risiko für das ungeborene Kind. Chandrika, die Mutter aus Biel, habe auf Nachfrage aus Sri Lanka berichtet, dass ihr Mann zehn Tage lang seine Winterjacke (trotz der fast 30 Grad) nicht ausgezogen habe. Die kleine Tochter sei traumatisiert. Zukunftsperspektiven gebe es keine.
Die Mutter aus Enggistein lebe, so berichtet Ursula Fischer von der Aktionsgruppe Nothilfe, nun getrennt von ihrem Mann, da dieser, als politisch Verfolgter, sich noch immer verstecken müsse; die Kinder verloren ihren Vater. Für eine kurze Zeit sei die Familie bei Verwandten untergekommen, wie ihre Zukunft aussehen solle, wisse sie nicht.