«Es gab keinen Raum, um zu trauern»
Statement • Auch Vera Frei* ist eine nahe Verwandte von Mirjam*. Sie ist alleinerziehende Mutter von vier Kindern und weiss, wie es sich anfühlt, ein Kind zu verlieren. Vera kennt Mirjam, seit diese ein Kind war – sie hütete sie.
«Mirjam war immer eine sehr ruhige, aber fröhliche Person. Ich hütete sie, als sie klein war. Was uns nun noch schmerzlich verbindet: Auch ich habe ein Kind verloren. Es starb aufgrund einer Operation, als es ein halbes Jahr alt war. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass man sich nach einem solchen Schock nicht mehr an alles erinnert. Die Aussagekraft von Mirjams Aussagen war also stark beeinträchtigt. Zudem: Warum sollte sie ihre Tochter umbringen, ihre einzige Bezugsperson, ihre Vertraute, ihre Weggefährtin?! Nur um mit einem Mann zusammen zu sein, der sie gar nicht mehr wollte? Sie hätte ja annehmen müssen, dass man auf sie als Mörderin schliessen würde und sie ins Gefängnis käme – und dass sie so weder Kind noch Mann haben würde.
Ich habe vier Kinder, und ich bin in Sorge, dass der Mörder da draussen noch frei herumläuft. Von Mirjams Unschuld bin ich überzeugt.
Betreffend den besagten Nachmittag warf man Mirjam vor, sie habe öfter ihr Handy angetippt. Das tue ich auch oft. Denn auch ich habe eine achtjährige Tochter, die sehr lebhaft ist und oft auf etwas drängt, das sie will: Zum Beispiel wenn sie aus dem Haus und etwas unternehmen will, zum Spielen abgemacht hat und ungeduldig ist. Kinder fragen dann dauernd, wann es denn so weit sei. Klar schaut eine Mutter dann öfter aufs Handy, um die Zeit abzulesen und dem Kind zu erklären, wie lange es noch warten muss … Und wenn der Wirbelwind von Kind schliesslich aus dem Haus ist, so sei es jeder Mutter vergönnt, sich eine Weile aufs Sofa zu legen und zu ‹chillen›, wie es Mirjam tat. Ich bin schon oft so eingedöst, denn Kinder in dem Alter haben viel Energie und brauchen die Aufmerksamkeit der Mutter, wenn sie da ist, fast ständig.
Ein anderer Punkt, der mich sehr beschäftigt, ist, dass Elena ihrer Lehrerin kurz vor ihrem Tod erzählte, es sei etwas Schlimmes passiert, das sie niemandem erzählen könne. Sie sei in der Schule dann sehr bedrückt und still gewesen, was ihrem lebhaften Naturell widersprach. Wovor fürchtete sich das Mädchen? Konnte sie es der Mutter nicht sagen, weil es etwas mit ihr zu tun hatte, also jemanden aus deren Bekanntenkreis betraf? Kinder wollen ihre Eltern doch schützen. Könnte dieses schlimme Ereignis, dem von der Staatsanwaltschaft so wenig Bedeutung beigemessen wird, nicht etwas mit Elenas Kopfverletzung zu tun haben, die sie sich eine knappe Woche zuvor zuzog – und zu welcher das Kind verschiedene Erklärungen ablieferte? Hatte die Kleine vor jemandem Angst? Wurde sie erpresst? Wurde ihr gedroht? Wurde gar von ihr gefordert, an besagtem Abend allein zum Hüttchen zu kommen und es niemandem zu sagen …?
Oder deckt gar die Mutter jemanden aus Angst? Denn bereits im Wald hatte Mirjam offensichtlich Angst.
Oder genau andersherum: Das Gericht sagte, es sei nicht nachvollziehbar, dass Elena im Dunkeln allein in den Wald gegangen sei, und schon gar nicht mit einer fremden Person. Eine vertraute Person wird hier jedoch gar nicht in Betracht gezogen. Doch Kinder vertrauen jenen, die sie kennen. Kann es also nicht sein, dass sie jemandem, den sie nicht fürchtete, das Versteck zeigen wollte?
So vieles bleibt rätselhaft, unstimmig. Zu viele Fragen bleiben offen.
Die Grossmutter hörte Elena weinen. Es wurde dementiert, dass das Weinen von ihr habe kommen können, da Elena zu dem Zeitpunkt bereits tot gewesen sei. Doch wurde genaue Todeszeitpunkt eruiert? Nein, er liegt innerhalb von vielen Stunden. Zwar liegt der Tatort rund 17 Meter vom Waldweg entfernt und mehr als 150 Meter Luftlinie von der Wohnung der Grossmutter, jedoch war es Winter, die Bäume trugen kein Laub. Stimmen werden da weiter getragen und können auch vom Wind begünstigt werden. Ein Passant soll zur gleichen Zeit wie Mirjams Mutter ein Wimmern vernommen haben, das ihn an seine sterbende Grossmutter erinnerte. Was, wenn Elena also nicht sofort ermordet wurde, als sie alleine loszog, um mit ihrer Freundin zu spielen, sondern erst später, als die Grossmutter ihr Weinen hörte? Dies würde beweisen, dass Mirjam wirklich alleine zu Hause war, nachdem Elena das Haus verlassen hatte, und man könnte die Tat nicht mit ihr in Verbindung bringen.
Von dem Moment an, als sie von der Schwangerschaft erfuhr, stand die Mutter zum Kind. Mirjam ist eine gläubige Frau, und ihre Beziehung zu Elena war intensiv. Sie liess den Haushalt stehen und liegen, um mit dem Kind in den Wald zu gehen, Zeit mit ihm zu verbringen. Diese Vernachlässigung des Haushalts wird als Überforderung ausgelegt, die Teil des Tatmotivs sei. Dass Mirjam jedoch 60 Stellenprozente bei der Arbeit innehatte und Wert darauf legte, in ihrer Freizeit die Beziehung zu Elena mehr zu gewichten als andere Pflichten, wird ihr nicht angerechnet.
Ausserdem war Elena oft mit ihrer Cousine zusammen, der fast gleichaltrigen Tochter von Mirjams verstorbener Schwester. Warum sollte Mirjam Elena also umbringen, wenn da noch das andere Mädchen ist, das wie eine Schwester für sie war? Warum sollte sie den geliebten Menschen um sich herum, den sie alle unterstützten, ihr bei der Betreuung halfen und sie und Elena liebten – darunter Mirjams Eltern bzw. Elenas Grosseltern, die schon so viel durchgemacht hatten – dies antun? Das ist absolut unlogisch!
Mirjam ist ein ruhiger Mensch. Sie litt unter dem Tod ihrer Schwester, mit der sie oft zusammen war. Aber ihr wurde bis heute kein Raum gelassen, den Tod ihrer Tochter zu verarbeiten und um ihr geliebtes Kind zu trauern.»