Ein medizinisches Zuhause für alle: Ärztemangel fordert Lösungen
Hausarztmangel • «Statt Grundversorgung sollte es Hauptversorgung heissen», sagt Dr. med. Connor Fuhrer, Leiter einer Gruppenpraxis in Münsingen und Geschäftsführer von Medix Bern, dem Praxisnetz für Ärztinnen und Ärzte*. Zudem ist Fuhrer im Vorstand der Haus- und Kinderärzte des Kantons Bern.

Connor Fuhrer, Geschäftsführer von Medix Bern, dem grössten ärzteeigenen Praxisnetzwerk im Kanton Bern, setzt sich für eine Stärkung der medizinischen Grundversorgung ein. Gleichzeitig fordert er: «Grundversorgung sollte Hauptversorgung heissen, denn 80 bis 90 Prozent der medizinischen Anliegen können direkt in den Hausarztpraxen gelöst werden.» Neben den Hausarztpraxen seien auch Spitex-Dienste und Angehörigenorganisationen essenzielle Pfeiler dieses Systems.
Die Stärkung der Hausarztmedizin entlaste nicht nur die ohnehin überlasteten Spitäler, sondern würde dazu beitragen, dass mehr medizinische Fälle ambulant behandelt werden könnten. «Nicht jede Erkrankung muss stationär behandelt werden», betont Fuhrer.
Politische Weichenstellung notwendig
Fuhrer kritisiert, dass das Schweizer Gesundheitssystem zu stark auf Spitäler ausgerichtet sei: «Wenn wir die Bedeutung der Grundversorgung endlich anerkennen, müssen wir ihr auch die höchste Priorität einräumen.» Es brauche politische Entscheidungen, um bessere Rahmenbedingungen für Hausärztinnen und Hausärzte zu schaffen. Dazu gehöre unter anderem die Sicherstellung ausreichender Ausbildungsplätze. Der Kanton Bern habe dies bereits erkannt und unterstütze die Hausarztausbildung. Entscheidend sei jedoch, dass diese Ausbildung verstärkt in den Praxen selbst stattfinde.
«Damit der Facharzt für Allgemeine Innere Medizin praxisnah ausgebildet wird, müssen verpflichtende Rotationen während der Assistenzarztzeit in Hausarztpraxen eingeführt werden», so Fuhrer. Eine enge Zusammenarbeit zwischen Berufsverbänden und Universitäten sei notwendig, um der Grundversorgung den Stellenwert zu geben, den sie verdiene.
Ambulante Versorgung vor Ort fördern
Ein weiteres Problem: In einigen Gemeinden sei es Hausarztpraxen nicht erlaubt, Medikamente selbst abzugeben (Selbstdispensation). Dies erschwere den Aufbau kleinerer Praxen. Es gebe jedoch Lösungsvorschläge: «Gemeinden könnten beispielsweise geeignete Räumlichkeiten bereitstellen oder zinsfreie Darlehen gewähren. Seitens Kantons müssten gesetzliche Grundlagen zur gezielten Förderung der Grundversorgung geschaffen werden.» Zudem sehe er mit Sorge, so Fuhrer, «dass Spitäler zunehmend ambulante Leistungen der Grundversorgung übernehmen sollen. Ob sie das so effizient tun können wie gut organisierte Hausarztpraxen, ist fraglich.»
Hausarztpraxis als lebensverlängernde Gesundheitseinrichtung
Der drohende Hausarztmangel wird durch die anstehende Pensionierung vieler Babyboomer-Ärztinnen und -Ärzte und Pensenreduktionen verschärft: In den nächsten zehn Jahren werden über 40 Prozent der aktuellen Arbeitsleistung der Hausärzte deshalb fehlen. Das von der WHO geforderte ideale Verhältnis von Anzahl Einwohner pro Hausarzt von 1000:1 wird im Kanton Bern bereits heute unterschritten. Dabei sei das persönliche Vertrauensverhältnis zwischen Patient und Hausarzt ein unschätzbarer Vorteil.
«Notfallstationen können diese Kontinuität nicht bieten, was zu höheren Kosten führt. Ein Arzt, der seinen Patienten nicht kennt, ordnet oft mehr Untersuchungen an», sagt Fuhrer. Studien zeigten, dass eine langjährige Betreuung durch dieselbe Hausarztpraxis das Risiko von Krankenhausaufenthalten reduziere. «Unser Ziel muss es sein, jedem Menschen ein medizinisches Zuhause zu bieten, eine hausärztliche Anlaufstelle, die Behandlungen koordiniert und wo möglich selber ausführt.»
Gegen den Fachkräftemangel
Eine Lösung sieht Fuhrer in der gezielten Förderung von Medizinischen Praxisassistentinnen und -assistenten (MPA) sowie Medizinischen Praxiskoordinatorinnen und -koordinatoren (MPK). «Die interprofessionelle Zusammenarbeit in den Praxisteams muss gestärkt werden. Dazu gehört, dass gewisse Aufgaben von entsprechend ausgebildetem, nichtärztlichem Personal übernommen werden können.» Aus der eigenen Praxis berichtet Fuhrer, «dass die Ausbildung von Assistentinnen und Assistenten in der Hausarztpraxis ein Erfolgsmodell ist, und erfreulicherweise viele motivierte, angehende Grundversorger dieses Angebot nutzen.»
Ein weiterer wichtiger Schritt sei die Nutzung der Möglichkeiten der Digitalisierung, um beispielsweise den Datenaustausch zwischen Leistungserbringern zu erleichtern.
Bürokratie abbauen statt ausweiten
Neben dem Fachkräftemangel sei der immer grösser werdende administrativen Aufwand zu beklagen: «Hausärzte verbringen täglich bis zu zwei Stunden mit Bürokratie. Diese Zeit fehlt für die Patientenversorgung.» Die Vielzahl an Nachweisen und Dokumentationen treibe die Gesundheitskosten in die Höhe. Dabei gebe es keine Kostenexplosion in der Grundversorgung, betont Fuhrer: «Insbesondere in der hausärztlichen Grundversorgung ist das Kostenwachstum unterdurchschnittlich.»
Viele steigende Kosten hingen mit der gewollten Ambulantisierung zusammen. «Während stationäre Leistungen zur Hälfte vom Kanton finanziert werden, trägt die obligatorische Krankenversicherung die ambulanten Kosten zu 100 Prozent. Das verzerrt die Wahrnehmung.» Zudem stellten Erhebungen fest, dass immer mehr Menschen medizinische Leistungen in Anspruch nähmen – nicht nur ältere Generationen, sondern auch jüngere. «Deshalb brauchen wir Investitionen in Prävention und Aufklärung. Eine starke Grundversorgung ist essenziell, denn dort findet Prävention statt!»
Notfallzentren am Limit
Fuhrer betont, dass nicht nur grosse Gruppenpraxen, sondern auch kleinere Hausarztpraxen gestärkt werden müssten: «Hausarztpraxen sind niederschwellige Anlaufstellen, die effizient zur Kostenreduktion beitragen. Doch wenn wir nicht jetzt handeln, werden immer mehr Praxen keine Nachfolger finden – mit gravierenden Folgen für die Patienten.»
Die Schliessung kleiner Spitäler wie Tiefenau, Münsingen oder Ziegler verschärfe die Problematik. «Schon jetzt ist es schwierig, in dringenden Fällen einen Spitalplatz zu finden. Die Notfallzentren sind am Limit.» Es brauche Investitionen in die wohnortnahe, ambulante Notfallversorgung. Er fordere ein Gesundheitssystem, sagt Connor Furher, «das sich den Bedürfnissen der Menschen nach einer wohnortsnahen Versorgung anpasst.»Sonja L. Bauer
Medix Bern ist ein Praxisnetz für Ärztinnen und Ärzte, dem 87 Praxen und 220 Ärzte angeschlossen sind. Medix unterstützt die Ausbildungen von Ärzten und will die Qualität des Ausbildungsangebots steigern.
*Der Begriff Arzt steht hier aus Platzgründen sowohl für Ärztinnen und Ärzte.