Hass nach aussen und innen bekämpfen
Region • Der Kanton Bern setzt sich gegen Hassdelikte ein. Meldungen über solche haben in den vergangenen Monaten zugenommen. Dabei hat Hass -gegen andere häufig mehr mit einem selbst tun.

Hassdelikte sind Straftaten, bei denen Menschen aufgrund einer wirklichen oder vermuteten Zugehörigkeit zu gesellschaftlichen Gruppen angegriffen werden. Der Hass richtet sich in solchen Fällen zum Beispiel gegen Menschen mit einer gewissen sexuellen Orientierung oder religiösen Ansicht. Auch rassistisch motivierte Straftaten gelten als Hassdelikte. Wie der Kanton Bern in einer Medienmitteilung schreibt, seien solche Vorfälle für die Betroffenen und deren Umfeld immer gravierend und gefährdeten das friedliche Zusammenleben in unserer Gesellschaft. Um das Problem sichtbarer zu machen, helfe jede Meldung bei der Polizei über Vorfälle von Hass und Diskriminierung. Vor allem gelänge es so besser, gegen entsprechende Delikte vorzugehen.
Mehr Prävention
Aufgrund vermehrter Anfragen und Meldungen zu Hassdelikten erweitere die Kantonspolizei Bern die bestehende Präventionsarbeit, wie der Kanton Bern in seiner Mitteilung weiter schreibt. Dafür ergreife sie neue Massnahmen und biete auch Schulen zusätzliche Unterstützung an. Auch der Regierungsrat setze sich für ein friedliches Miteinander ein und unterstütze die Initiative «Gemeinsam gegen Hass». Über dreissig Religionsgemeinschaften und weitere Organisationen beteiligen sich an dieser.
Da Hassdelikten häufig Vorurteile zugrunde liegen, hat die Kantonspolizei mit verschiedenen Religionsvertretenden ein gemeinsames Commitment realisiert, unter anderem in Form von Videobotschaften. Diese sollen dabei helfen, Vorurteile abzubauen und vor allem ein klares Zeichen gegen Hass zu setzen.
Neben den Videos bietet die Kantonspolizei auch Unterrichtsmaterialien für Schulen an. Anhand dieser können die Schülerinnen und Schüler verschiedene Formen von Hassdelikten kennenlernen. Zudem sollen Musterplakate und -flyer unter dem Slogan «Wir tun was» in der Schule für das Thema sensibilisieren und für Diskussionsstoff sorgen. Und Lehrpersonen bekommen in den Materialien aufgezeigt, wie man gegen Hassdelikte vorgehen kann. «Die Schulen leisten in diesem Bereich sehr viel. Zur Unterstützung erhalten sie nun zusätzliche Hilfestellungen zur Prävention gegen Hassdelikte», hält Bildungs- und Kulturdirektorin Christine Häsler fest.
Spezifische Beratungsstelle
Gerade im Zusammenhang mit der Religionszugehörigkeit stelle die Kantonspolizei gemäss Mitteilung des Kantons Bern vermehrte Meldungen fest. Vorfälle gegen Muslime in der Schweiz häuften sich in den vergangenen Monaten beziehungsweise seit dem «Aufflammen des Nahostkonflikts». Seit einigen Monaten gibt es deshalb eine spezifische Melde- und Beratungsstelle zu Antisemitismus im Kanton Bern. Dafür hat der Kanton mit dem Schweizerischen Israelitischen Gemeindeverbund eine Vereinbarung für die Jahre 2024 bis 2027 abgeschlossen.
Ein Faktor von vielen
Die Zunahme religiös motivierter Hassdelikte vor allem gegen Juden und Muslime hänge ganz offensichtlich mit der Situation in Nahost seit dem 7. Oktober 2023 zusammen, sagt Katharina Heyden, Professorin für Ältere Geschichte des Christentums und der interreligiösen Begegnung am Institut für Historische Theologie an der Universität Bern. «In einer globalisierten Welt ist die Schweiz davon natürlich mitbetroffen.»
Dieser Konflikt werde häufig als religiöser Konflikt wahrgenommen, obwohl Religion nur ein Faktor in einer sehr komplexen Gemengelage sei, so Heyden. Gleichwohl habe Religion, jede Religion, tatsächlich ein grosses Potenzial, politische Konflikte zu verschärfen.
«Religionen bieten Traditionen, Symbole, Rituale und Rhetoriken, die konkrete Situationen in einen grösseren, manchmal überweltlichen Zusammenhang stellen», so Heyden. Klassische religiöse Motive wie der Wille Gottes, der Mensch als Werkzeug Gottes im Kampf gegen das Böse, die Rettung der Welt oder auch Heil und Bestrafung durch Gott könnten zur friedlichen Gestaltung der Welt beitragen. Aber sie könnten auch zur Verschärfung von Konflikten eingesetzt werden. Dabei «sind diese ideologischen Konflikte nicht regional beschränkt», sagt Heyden. «Das verstärkt gegenwärtig in allen christlich geprägten Gesellschaften der westlichen Welt ein Aufflammen alter antijüdischer und islamophobischer Muster, auch in der Schweiz.»
Überzeugungen und Bedrohungen
Wie Heyden sagt, gehe es in Religionen um die grossen Fragen, Überzeugungen und Hoffnungen des Lebens. Beantworteten andere diese Fragen für sich anders, könne leicht Verunsicherung oder gar ein Gefühl von Bedrohung entstehen. Deshalb falle es gewissen Menschen schwer, andere Menschen und deren religiösen Einstellungen zu akzeptieren.
«Wie genau die Bedrohung empfunden wird, hängt von der eigenen Stellung zur Religion ab», sagt Heyden. «Für Personen mit hoher eigener Religiosität stossen oft der eigene und der fremde Wahrheitsanspruch aufeinander.» Für Menschen, die sich selbst als nichtreligiös bezeichnen, könnten grundsätzlich alle religiösen Anschauungen und Lebensweisen eine Bedrohung der Freiheit darstellen. Allgemein sinke das Verständnis für Religion in säkularisierten Gesellschaften wie der Schweiz. Es gebe Studien, die zeigten, dass die Akzeptanz gegenüber Andersgläubigen bei religiösen Menschen höher sei als bei Nichtreligiösen. «Gleichzeitig sehen wir, dass die Religiösen in säkularen Gesellschaften ihre Religion konsequenter, manchmal auch radikalisierter leben.» In diesem Fall bestehe dann aber wieder die bereits geschilderte Gefahr.
Wut, Hass und Überwindung
Hass sei eine gesteigerte Form von Wut, die sich meist auf konkrete Person oder Personengruppen richtete. «Häufig verweist Hass auf eine grosse Nähe», so Heyden, «wer mir egal ist, den hasse ich normalerweise nicht.»
Das zeige sich auch im Bereich der Religion. In der Schweizer Geschichte sei der Hass unter Christen, zwischen Katholiken und Protestanten, über Jahrhunderte sehr gross gewesen. «Im Islam ist dies heute vielerorts zwischen Sunniten und Schiiten der Fall», sagt Heyden. Christentum und Islam hätten eine jahrhundertealte Tradition von Judenhass, «weil sich beide sehr stark auf das Judentum beziehen und behaupten, es zu überbieten».
Wer Hass empfinde, könne diesen am wirksamsten mit der Arbeit am eigenen Selbst bekämpfen. Wie Heyden sagt, habe «Hass nämlich etwas mit Nähe zu tun». Man könne sich verschiedene Fragen stellen. Zum Beispiel: Warum löst diese Person oder diese Gruppe so starke Gefühle bei mir aus? Warum erlebe ich sie als Bedrohung?
Wer diese Frage ehrlich für sich beantwortet, stosse häufig auf eine eigene Verunsicherung, manchmal sogar auf Selbsthass. «Und daran kann man produktiv arbeiten.» Dazu gehöre es, die eigene Wut ernst zu nehmen und sie auch zuzulassen. So schlage aufgestaute Wut nicht in Hass um. «Hierfür bieten Religionen übrigens grosse Ressourcen, die zur Überwindung von Hass beitragen können», erklärt Heyden. Entscheidend sei, was Menschen heute mit den zutiefst ambivalenten Potenzialen der religiösen Traditionen anfingen.