Es dominieren einfache Denkmuster
Kolumne • Der deutsche Arzt Michael Nehls schrieb in seinem Buch «Das erschöpfte Gehirn», dass das Verhalten unserer modernen Gesellschaft geprägt sei von sozialer Kälte und der Unfähigkeit, aus Fehlern zu lernen. «Menschen mit mangelnder Empathie fehlt die elementare Fähigkeit, sich das potenzielle Leid vorzustellen …» Und: «Ein schwaches Ich sucht das starke Wir.» Weil wir nicht mehr «artgerecht» leben, führt dies zu chronischer Erschöpfung, wodurch die Kapazität für das energieintensive System-II-Denken (bewusstes Nach-denken, kritische Reflexion) abnimmt. Gesellschaftlich betrachtet hat dieser chronische Kapazitätsverlust weitreichende Folgen: Die geistige Energie für Reflexion und durchdachte Entscheidungen nimmt ab, es dominieren einfache Denkmuster und stereotypes Handeln und angstgeleitetes Verhalten: Selbstwertgefühl, Durchhaltevermögen, Mitgefühl und insbesondere geistige Flexibilität nehmen ab. Dies führt dazu, dass Menschen weniger in der Lage sind, Dinge kritisch zu hinterfragen und notwendige Veränderungen vorzunehmen, selbst wenn sie wissen, dass eine Richtungsänderung dringend nötig wäre (unter anderem deshalb haben despotische Politiker plötzlich so grosse Unterstützung) – sowohl für das eigene Wohl als auch für zukünftige Generationen. Einer der Auswege aus dem Teufelskreis: Wieder mehr soziale Interaktion. Die Regierung von Russland griff die Ukraine an. Jene von Israel vertreibt und tötet ein ganzes Volk, das nicht einmal fliehen kann. Die der USA zerstört die in mühsamer Arbeit erreichten Ziele: Die Gleichstellung der Frau, die Bildung, humanitäre Hilfe und vieles mehr. Europa rüstet auf. Dafür werden Millionen ausgegeben, während nicht nur mehr allein in Afrika die Welt verhungert. Und man kann nicht einmal mehr mit hundertprozentiger Bestimmtheit sagen: «It’s a Man’s world». Schliesslich mischen bei dieser weltweiten Kriegstreiberei auch ein paar Frauen mit. Wobei man die an einer Hand abzählen kann. Hierzulande fällt das Volk in zwei Lager. Alles lässt sich erklären. Je nach Wahrnehmung und Sichtweise. In beiden befinden sich kluge Menschen, deren Begründungen nachvollziehbar sind, jedoch niemals Krieg und Mord rechtfertigen dürfen. Mit Waffen gewinnt man keinen Frieden. Die einzige Richtungsänderung, die uns und die nachfolgenden Generationen retten kann, ist nicht Aufrüstung – sondern Gespräch. Im Sandkasten hört der Streit der Kinder auf, sobald ein Elternteil ihn mit Worten beendet – egal, wer angefangen hat und warum. Stopp! Danach gibt’s Eis. Auch Krieg lässt sich erklären, verstehen müssen sie ihn nicht: Die Mütter, weltweit, die keine Stimme haben. Die keine Erklärung brauchen, warum ihre Söhne nicht mehr heimkommen; ihre Kinder, die vor Angst weinten, bevor sie starben. Die Gründe sind ihnen egal. Sie wollen Frieden – und ihre Jungs zurück. «Meine Söhne geb ich nicht», sang Reinhard Mey. Stünden die (trauernden) Mütter dieser Welt einander gegenüber: Der Krieg wäre heute noch vorbei.