
Weitere Artikel von Adrian Hauser
Wenn Kleine Grosses bewirken
Wer eine Katze anfährt, macht sich strafbar. Nicht weil es falsch ist, ein Wesen zu verletzen, das Schmerz empfindet, sondern weil etwas beschädigt wurde, das einem Menschen gehört. Wenn ein Stall brennt und Tiere in den Flammen sterben, spricht man vor allem vom finanziellen Schaden des Bauern und weniger vom Leid der lebendig verbrannten Tiere. Sie werden geschützt, nicht weil wir sie als schützenswert betrachten, sondern weil sie unser Eigentum sind.
Zwar schützt die Verfassung die Würde der Tiere seit 1992, erkämpft in Jahrzehnten von Menschen, die nicht wegschauen wollten. Doch Tiere haben in Politik und Gesellschaft kaum eine Stimme. Sie können nicht abstimmen, nicht protestieren, nicht klagen. Und wo ihre Interessen auf wirtschaftliche treffen, verlieren sie – systematisch. Als 2022 die Initiative gegen Massentierhaltung an der Urne scheiterte, blieb es legal, Tiere ihr ganzes Leben lang nie den Himmel sehen zu lassen und ihnen ungenügend Platz zum Leben zu geben, sodass ein Huhn gerade mal den Platz eines A4-Blattes hat. Wenn sich Organisationen wie Sentience für diese Tiere einsetzen, stehen sie vor einem Goliath: ein Vielfaches an Geld und Personal, die Deutungshoheit im öffentlichen Diskurs, Lobbying-Kräfte und Mehrheiten im Parlament. Doch wo die anderen Macht haben, haben wir etwas anderes: einen Tatendrang, den die Ungerechtigkeiten selbst befeuern, die Erfahrungen einer globalen Bewegung, die vieles schon vor uns erprobt hat, und eine Kreativität, die entsteht, wenn man mit wenig viel erreichen muss. Und es wirkt. Nach jahrelangem Druck von Tierrechtsorganisationen in der Schweiz und weltweit wird die Migros ab diesem Herbst langsamer wachsende Hühnerrassen für ihre Optigal-Produkte einsetzen. Hinter dieser Entscheidung steht ein sehr reales Leiden. Schnell wachsende Rassen sind so gezüchtet, dass ihr Körper in nur 30 Tagen schneller wächst, als das Herz mithalten kann. Viele leiden unter Atemproblemen oder brechen unter ihrem eigenen Gewicht zusammen. Bei über 80 Millionen Masthühnern, die in der Schweiz jedes Jahr gehalten und ge-tötet werden, ist das kein Detail.
Der zweite hochaktuelle Erfolg: Die Schweizerische Lauterkeitskommission hat der Trägerschaft der Plattform Werbemist, an der Sentience beteiligt ist, recht gegeben. Eine Werbung von -Suisse Garantie, die bei Legehennen von «kleinen Herden» sprach, wurde als irreführend erklärt. Denn 65 Prozent der Schweizer Legehennen leben in Gruppen mit mehr als 4000 Tieren. Dank des breiten Medienechos hat -«Suisse Garantie» ihren Social-Media-Post inzwischen zurückgezogen. Diese Beispiele zeigen: Öffentlicher Druck, Dialogbereitschaft und Beharrlichkeit wirken. Wir erwarten nun, dass die Migros nachzieht und ihr gesamtes Sortiment tierfreundlicher macht und dass -«Suisse Garantie» ihre unlautere Aussage nicht mehr verbreitet. Der Druck ist da. Wir schauen hin, wir bleiben dran, wir gehen dagegen an. Denn vergessen wir nicht: David hat gewonnen.
Bettina Huber und Naomi Rey setzen sich im Namen des Vereins Sentience für die Interessen von Tieren und eine tierleidfreie Zukunft ein (sentience.ch).

Der Regenmacher
Klima • Mit einer mobilen Sprühanlage soll trockene Luft befeuchtet und die Entstehung von Niederschlag begünstigt werden. Die Idee entstand bereits vor einigen Jahren, der Unternehmer Jonathan Hertig aus Gerzensee hat sie wieder aufgegriffen.

«KI ist eine Blackbox»
Interview • Sabine Opel ist Digitalisierungsberaterin bei Nexplore in Thun, Bern, Basel und Zürich. Nexplore begleitet Unternehmen, Verwaltungen und Non-Profit-Organisationen durch die digitale Transformation. Sabine Opel erklärt im Gespräch Chancen und Risiken, denn nicht alles ergibt für alle Sinn.

Plattform für Jungunterneh-men und KMU
KMU • Das Zentrum für Innovation und Digitalisierung in Stettlen versteht sich als Vernetzungsplattform für Jungunternehmen und KMU. Es hilft diesen mit Beratung, Wissenstransfer, Themenevents und Arbeitsräumen.

«Ort europäischen Ranges»
Neuerscheinung • Im Buch «Schloss Schadau – die Geschichte» trägt die Autorin Claudia Stich historische Fakten und Dokumente zusammen, welche die Geschichte des Schlosses, seiner Besitzer und seiner Umgebung aufrollen.

«Das Gesundheitswesen ist überreguliert»
Interview • Das Gesundheitswesen ist nach wie vor am Anschlag, Pflegende haben vielerorts zu wenig Zeit für ihre Patientinnen und Patienten. Die Pflegeinitiative befindet sich zwar in der Umsetzung, doch bis die Massnahmen greifen, braucht es eine gewisse Zeit. Pierre Alain Schnegg (SVP), Vorsteher der Gesundheits-, Sozial- und Integrationsdirektion (GSI) des Kantons Bern, bezieht Stellung.
Rechtspopulismus ernst nehmen
Deutschland reibt sich die Augen: In Sachsen-Anhalt kam es am Wochenende zu einem erdrutschartigen Sieg der rechtspopulistischen AfD bei den Landtagswahlen. Das Nachsehen hatte die CDU, also die Partei des Bundeskanzlers Friedrich Merz. Die von den etablierten Parteien errichtete Brandmauer gegen die AfD sei abgewählt worden, jubelte die Partei am Montag.
Die internationale Presse reagierte prompt: «Seit dem Zweiten Weltkrieg hat in Deutschland noch nie eine Rechtsaussen-Partei die Kontrolle über ein Bundesland übernommen. Eine
Regierungsbeteiligung auf Landesebene würde Zuständigkeiten für die Polizei sowie für das Bildungs- und Kultur-wesen mit sich bringen», berichtete beispielsweise die BBC aus London. Und die italienische «La Stampa» schrieb: «Es handelt sich um das beste Ergebnis überhaupt für die Souveränisten in einem deutschen Bundesland, das den Weg für die erste rechtsextreme Regierung im Land seit 1945 ebnet und den Erfolg des lokalen Parteichefs Ulrich Siegmund krönt.»
Das Wahlergebnis zeigt, dass man solche Strömungen ernst nehmen muss. Oft werden sie erst dann so richtig wahrgenommen, wenn augenscheinlich aus dem Nichts solche Wahlerfolge erzielt werden. Rechtspopulisten sehen sich oft als Sprachrohr einer «schweigenden Mehrheit», deren Interessen andere Parteien ignorieren würden und die gegenüber Migranten oder ethnischen Minderheiten benachteiligt sei. Sie sprechen oft von «den normalen Bürgern» und stellen ihnen eine angebliche politische Elite gegenüber. Dabei werden komplexe gesellschaftliche Probleme häufig stark vereinfacht und auf einzelne Gruppen oder Minderheiten zurückgeführt. Sprich: Feindbilder werden geschürt und Sündenböcke definiert. Damit wird ein einfaches Weltbild geschaffen, das zwar oft nicht viel mit der Realität zu tun hat, aber einfach verständlich ist.
Rechtspopulismus ist allerdings keine Erfindung aus Deutschland. In verschiedenen europäischen Ländern gibt es vergleichbare Strömungen. Marine Le Pen wird in Frankreich Umfragen zu-folge bei der Präsidentschaftswahl 2027 mindestens in die Stichwahl kommen. Die rechte Regierungschefin Giorgia Meloni in Italien hat gerade den Rekord der längsten ununterbrochenen Amtszeit gebrochen. In den Niederlanden scheiterte zwar der Versuch, eine rechtsextreme Protest-bewegung in eine Regierungspartei zu wandeln. Doch der Abgeordnete Geert Wilders schaffte 2023 immerhin einen Durchbruch, als die von ihm gegründete Freiheitspartei PVV bei der Parlamentswahl auf den ersten Platz kam. Und wie wir wissen, gibt es auch in der Schweiz entsprechende Strömungen, die mal mehr oder weniger ernst genommen werden.
Dabei sollte man diese Strömungen ernst nehmen, besonders wenn man selbst dezidiert eine andere Meinung vertritt. Denn haben solche Parteien erst einmal die Macht ergriffen, ist es bereits zu spät!
Gemeinsam etwas bewirken
Blumenstein • Michael Kammer ist Gemeindepräsident und Forensiker bei der Kantonspolizei Bern. Auf den ersten Blick zwei völlig unterschiedliche Gebiete, doch auf den zweiten Blick eröffnen sich Parallelen. An beiden Orten ist die Zusammenarbeit im Team wichtig, ebenso Genauigkeit und Objektivität.

Taubenschläge zum Wohle aller
Thun • Stadträtin Franziska Eggenberg ist überzeugt, dass die Stadt Thun ein Taubenkonzept braucht. Sie hat ein entsprechendes Postulat eingereicht, das kürzlich vom Stadtrat angenommen wurde. Ist nun eine Lösung in Sicht für ein Problem, das man lange vor sich hergeschoben hat?
Das bringt doch nichts!
Als kleiner Einzelmensch auf eine Autofahrt verzichten, während China neue Kohlekraftwerke baut? Den Zug anstatt das Flugzeug nehmen, während die halbe Schweiz fliegt und Reiche in Privatjets hemmungslos herumdüsen? Weniger Fleisch essen, während Millionen andere fröhlich grillieren? Für nachhaltig produzierte Kleider mehr ausgeben, während Versandhäuser fabrikneue, retournierte Billigklamotten ungebraucht ent-sorgen? Das bringt doch nichts!
Wirklich? Dass Einzelne angeblich nichts bewirken können, gilt als unbestritten. Aber auch ganze Länder werden als zu schwach taxiert: Die kleine Schweiz kann doch keine Pionierrolle im Klimaschutz einnehmen, während die grossen USA immer neue Erdöl-felder erschliessen! Aber könnte denn nicht ein ganzer Kontinent etwas bewirken? Nein, Fehlanzeige! Denn was nützt es, wenn Europa allein handelt, während Grossmächte ohne Rücksicht auf Umwelt und Natur handeln?
Und so weiter mit der Ausreden-Kaskade: Was bringt es, wenn nur Europa, Amerika und Asien handeln, so lange Afrika nicht mithilft?
In Politik und Öffentlichkeit werden kleine Schritte in die richtige Richtung als sinnlos abgeschrieben. Zahllos die Leserbriefe, die auf den «verschwindend kleinen» Anteil der Schweiz am weltweiten CO2-Ausstoss mit knapp 0,1 bis 3 Prozent hinweisen – je nach Berechnung. «Ich soll etwas ändern? Der andere aber nicht?» Oder: «Man müsste halt im Grossen handeln», heisst es – um es umgehend als utopisch einzustufen. So wird jede Handlungsoption verworfen. Es sei denn, sie eröffne einen lukrativen Markt, aber dies ist ein anderes Thema.
Der Denkfehler in diesem Schema, auch kleinste Schritte abzulehnen und jeden persönlichen Verzicht zu verteufeln: Wir vergessen, dass Millionen, die etwas tun oder nicht tun, eine gewaltige Wirkung entfalten. Ein gigantischer Masseneffekt kommt zum Tragen – zum Schlechten, aber genauso auch zum Guten.
Wahr ist aber auch: Wenn sich von heute auf morgen die Zahl der Flug-passagiere, Autofahrenden, Fleisch-esser halbieren würde, hätten wir sofort neue Probleme – ganze Industrien gingen zu Boden. Allerdings würde ein solches Umdenken kaum kurzfristig erfolgen – eher innert Jahren. Dem könnte sich die Wirtschaft genauso dynamisch anpassen wie all den sofort erkannten Wachstumschancen, die dem Motto «mehr und immer mehr» folgen.
Deshalb: Machen wir noch heute erste Schritte in die richtige Richtung, und seien sie noch so klein – im Wissen, dass wenig unendlich viel mehr ist als nichts. Und in der Hoffnung, dass Millionen andere – wer weiss! – mit ebensolchen Schritten zu einem sinnvollen Masseneffekt beitragen.
Jürg Alder, pensionierter freier Journalist